|
Monografie der nordwestlich von
Sizilien gelegenen italienischen Insel Ustica
Die in stiller Einsamkeit lebenden Bewohner von Ustica werden es sich
wohl niemals haben träumen lassen, dass ihre kleine, 67 Kilometer
nordwestlich von Palermo gelegene, vier Jahrhunderte hindurch in der
Gewalt der Piraten gebliebene Insel, mit einem Flächenraum von
etwa 9 Quadratkilometern und 12 Kilometer im Umkreis, sowie mit einer
aus den Liparischen Inseln stammenden Gesamtbevölkerung von 2000
Seelen, von dem österreichischen Erzherzog Ludwig Salvator je zum
Gegenstand einer Monographie gemacht würde, und dazu noch von solchem
Umfang, dessen sich kaum irgend eine andre, politisch und wirtschaftlich
weit wichtigere Landschaft Siciliens rühmen kann. Allein der fürstliche
Autor liebt es, gerade Unbedeutendes durch Studien aller Art zu beleuchten
und auf diese Wiese zu zeigen, wie selbst scheinbar Unwichtiges durch
wissenschaftliche Behandlung und gründliche Untersuchung anziehend
gemacht werden kann und ebenso die Aufmerksamkeit des Gelehrten wie
das Interesse der gebildeten Leserwelt zu fesseln imstande ist. Allerdings
haben auch manche schätzenswerte Kräfte mitgewirkt: aber die
schwierigste und hauptsächlichste Arbeit, nämlich die Sichtung
des überreichen Materials, die Behandlung und Verarbeitung desselben,
die mehrfachen Übersetzungen in die deutsche Sprache, fiel einzig
und allein dem Erzherzog zu, der sich dieser bewundernswerten Mühe
mit ebensoviel Fleiss, wie Geschick und Ausdauer hingab und nie ermüdet
stillstand, bis er die vorgesetzte Aufgabe befriedigend gelöst
hatte. Das Werk betitelt sich "Ustica" (mit 56 Abbildungen
nach Federzeichnungen des Verfassers und 2 Karten). Es giebt auf der
Insel wohl kaum eine Gesteinsart oder Petrefact, Pflänzchen oder
Getier, das nicht mit Hilfe von Fachmännern gewissenhaft verzeichnet
und systematisch beschrieben erscheint, und ebenso ist eine Bevölkerungsstatistik
bis in die eingehendsten Details wiedergegeben. Wir erfahren aus diesen,
mit einem erstaunlichen Aufwand von Fleiss, Genauigkeit und Gründlichkeit
zusammengestellten Aufzeichnungen, dass, da die Insel die zunehmende
Bevölkerung nicht mehr zu ernähren vermochte, zahlreiche Familien
bereits seit 1854, namentlich aber seit 1860 nach den Vereinigten Staaten
von Nordamerika (zumeist nach New Orleans) auswanderten. Der Charakter
der Usticaner ist sanft und mild. Sie sind intelligent und aufgeweckt
wie die Sicilianer im allgemeinen und besitzen gute Anlagen für
alle Arten von Beschäftigung, namentlich für den Ackerbau
und die Schiffahrt. Sie sind sehr arbeitsam und in der Bearbeitung der
scheinbar undankbarsten Grundstücke unermüdlich, wozu wohl
auch die natürliche Beschränktheit des verwendbaren Bodens
beiträgt. Für die Gesundheit des Klimas sprechen wohl am besten
die Langlebigkeit der Eingeborenen, sowie der Umstand, dass bei ausgebrochenen
Epidemien die Bewohner Palermos wiederholt in Ustica Zuflucht suchten.
Der Dialekt der Bewohner ist der sicilianische, jenem auf den Liparischen
Inseln gesprochenen ähnlich, was sich aus der Zahl der Liparioten
erklärt, die im Jahr 1763 das Eiland zuerst wieder besiedelten,
nachdem bei einem Türkenüberfall im Jahre vorher die früheren
Einwohner alle getötet oder in Sklaverei geschleppt worden waren.
Als Sprachprobe liefert uns der Verfasser zwei Märchen im Originaltext
und in deutscher Übersetzung, die insofern nicht uninteressant
sind, als dieselben von einer wunderlichen Phantasie Zeugnis geben und
sich mit manchen unserer Märchen messen können. Die Usticaner
sind auch sehr sangeslustig, namentlich zur Zeit der Ernte. Sie singen
auf den Felsenabhängen, begleitet von dem gellenden Schrei der
Turmfalken und der Möven oder von dem leisen elegischen Gesang
eines "einsamen Spatzen", und eine heitere Brise trägt
ihre Töne in fröhlichem Rhythmus davon. Zahlreiche Lieder
hat der fürstliche Autor gesammelt und teilt sie in thunlichst
wörtlicher Verdeutschung mit. Wir fügen einige Proben hier
bei:
Mit
Absicht bin ich hierher gekommen,
Ein Lied zu singen an mein Kleinod;
Aufs Haupt verdienst du eine Krone
Und auf die Brust ein glänzendes Kleinod.
Freundliche Frau, freundliche Herrin,
freundlich bist du wie ein Kleinod.
Nun ich vollendet habe mein Lied,
gehe ich und grüsse dich, mein Kleinod.

Ich
sah einen fliegenden Adler fliegen,
Eine Feder schien es nur zu sein,
Er war voll von Demantsteinen,
Er erleuchtete den ganzen Westen.
Es sind vorübergegangen Fürsten und Kaufherrn,
Niemand ist mir in den Sinn gekommen,
Da zogst du vorüber, Sohn der Herrschenden,
Und du allein kamst mir in den Sinn.

Schöne,
euch ähnlich sah ich noch keine,
Keine, so hold wie ihr seid,
Ihr seid hold und anmutsvoll,
Mein Herz habt ihr bereits zu eigen;
Früher wusste ich nicht, was lieben heisst,
Doch nunmehr denke ich Tag und Nacht an euch.
Gebet Erfrischung meinen Schmerzen,
Dass man nicht sage, ich sterbe für euch.

Adler,
der du aus Silber trägst die Flügel,
Bleibe stehen, dass ich dir zwei Worte sage,
Dass ich dir eine Feder aus diesen Flügeln reisse,
Um zu schreiben einen Brief an meine Liebe.
Ganz mit meinem Blute wollte ich ihn schreiben
Und als Siegel setzen dieses Herz;
Nun, da der Brief vollendet ist,
Adler, trage ihn du zu meiner Lieben.
Ustica ist das Land des Tanzes und Gesanges, alle
Einwohner tanzen gut und haben wohllaute Stimmen. Von Instrumenten sind
die Violine, die Guitarre, die Mandoline und die Mundharmonika im Gebrauch,
auch einige Pianos sind vorhanden.
Die Lieblingsbeschäftigungen der Usticaner, Jagd und Fischfang,
werden ausführlich geschildert und ebenso ist dem Gemeindewesen,
der Schiffahrt, dem Handel und was damit zusammenhängt, ein besonderes
Kapitel gewidmet.
Wir vernehmen daraus, dass die Inselbewohner fast alle Grundeigentümer
sind, nur die Wohlhabenderen geben ihre Gründe in Halbpacht oder
Pachtzins. Der Boden ist sehr fruchtbar, namentlich für Getreide
und Hülsenfrüchte, er eignet sich aber auch für die Kultur
der Traube, des Öl-, Mandel und Feigenbaumes. In Ustica wachsen
vorzügliche Trauben und es würde ebenfalls einen trefflichen
Wein erzeugen, wenn die Trauben zur rechten Zeit geschnitten und gut
verarbeitet würden. In eingehender Beschreibung berichtet der hohe
Verfasser über die Weinbereitung und über den Getreidebau.
Der durchschnittliche Ertrag des Weizens auf Ustica hat einen Wert von
26460 Lire.
Die Rinder sind meistens von der schönen sicilianischen Rasse;
die Schafe und Ziegen klein und mager, die Schweine sieht man in den
Gassen der Ortschaft ganz gemütlich frei herumlaufen. Jeder Gutsbesitzer
hat seine Esel zum Reiten; dieselben sind sehr kräftig, dagegen
giebt es auf der ganzen Insel nur eine Stute und eine Maultiereselin.
Häufig begegnet man Eseln, auf welchen der Mann rittlings d.h.
rückwärts, die Frau vorn mit den Füssen zur Linken und
mit ausgespanntem Sonnenschirm sitzt. Der Transport von Lebensmitteln
u. s. w. auf dem Lande geschieht in grossen Körben oder Säcken,
welche, zu beiden Seiten des Holzsattels befestigt, den Eseln aufgeladen
werden.
Bei der grossen Anzahl Wandervögel, welche über Sicilien gehen
und auf Ustica einen Ruhepunkt finden, ist die Jagd auf dieselben ein
besonderes Vergnügen der dortigen Einwohner. Im März kommen
die Becassen als die ersten, ihnen folgen verschiedene Drosselarten.
Von Anfang April bis Mitte Juni sieht man in Masse die vorüberziehenden
Wachteln, Turteltauben und eine ausserordentliche Menge kleinerer Vögel,
deren sich einige wenige auf der Insel aufhalten. Von Anfang September
bis 15 Oktober erfolgt die Rückkehr der Wachteln und Tauben, im
November der Becassen. Fast alle Einwohner haben Jagdgewehre, und zur
Wachteljagd kommen fremde Jäger auf die Insel, um Wachteln zu schiessen;
ein guter Jäger kann deren hundert in einem Tag erlegen.
Dem Fischfang widmen sich mehr oder minder alle Bewohner. Sämtliche
Netz- oder Ricciboote haben auch Angelschnüre. Der Fang mit Reusen
beginnt Anfang März und endet Anfang Dezember, später wird
nur mit Netzen gefischt. Die gefangenen Fische, welche einen vorzüglichen
Wohlgeschmack haben, werden in offenen Bottichen lebend nach Palermo
versendet, die toten in Körben aus Pfahlrohr transportiert.
Da Ustica hafenlos ist, hat es keine eigentliche Schiffahrt; die wenigen,
dort anlangenden Boote werden auf Holzstücken aufs Land hinaufgezogen
und die dorthin kommenden grösseren Schiffe trachten, sobald als
möglich ihre Ladung abzugeben und einzunehmen. Der regelmässige
Dampfer verkehrt wöchentlich zweimal und seit 1888 ist ein Telegraphenkabel
in Thätigkeit. Die kommunalen Verhältnisse, welche der erlauchte
Verfasser eingehender schildert, sind günstige, die Gemeinde hat
keine Schulden und bestreitet ihre Bedürfnisse aus eignen Einnahmen.
Die Insel, welche zum grossen Teil eben ist, wird von einem kleinen
Gebirgszug durchzogen, welcher aus zwei Haupthöhen besteht: der
Falcunaria und der so ziemlich im Zentrum gelegenen Guardia grande,
zwischen welchen die kleine Ortschaft Ustica liegt. Die Falcunaria,
ein Castello mit starkem Bollwerk, bildete den Zufluchtsort der Bewohnerschaft
der Insel bei Überfällen türkischer Seeräuber. Von
dem Turme der Festung hat man eine wunderschöne Aussicht über
die ganze Insel und die leicht hingehauchte Küste Siciliens. Malerisch
ist der Anblick der unten liegenden Ortschaft und wildromantisch der
Blick auf den Leuchtturm des Uomo muortu mit seinen jähen schwärzlichen
Abstürzen. Der auf der Südseite der Insel auf einem hohen
Hügel gelegene Turm de Santa Maria, welcher ehemals die Hauptverteidigung
des darunter liegenden Ankerplatzes bildete, dient jetzt als Gefängnis.
Ein andrer alter Turm steht auf der Südseite der Insel beim Landungsplatz
Spalmaturi nunmehr verlassen. Von diesem bis zum zweiten Leuchtturm
Faro di Gavazzi befindet sich eine Mulde mit basaltisch aufsteigenden
Schichten und schwarzen, vulkanischen Schlacken, die bis zum Meere reicht.
In den Konglomeratschichten des Gesteins an der Küste haben sich
grosse Höhlen gebildet, Seehöhlen, in die das Meerwasser hineinspült
und in welche man mit kleinen Schiffen hineinfahren kann, sowie Tropfsteinhöhlen
von 80 - 100 Meter Breite, mit prächtigen pyramidalen Tropfsteingebilden,
in denen die Bläue des Wassers besonders zur Geltung kommt.
Seitdem die Insel besiedelt ist, waren auf derselben wegen gemeiner
Verbrechen Verurteilte interniert, die jedoch, weil sie abgesondert
leben, auf die Bevölkerung keinen verderblichen Einfluss üben.
Nach den Bewegungen in den Jahren 1821 und 1830 waren es zum grossen
Teil politisch Kompromittierte, denen die Insel zum Aufenthalt angewiesen
wurde. Bis ins innerste Familienleben hat der Verfasser hineingeblickt
und giebt uns eine anziehende Schilderung davon. Er unternimmt zugleich
Wanderungen über die ganze Insel, lässt dabei nichts unbeachtet,
was für den Geologen, den Botaniker, den Zoologen oder den wissenschaftlichen
Reisenden überhaupt von Interesse sein könnte, und liefert
ein vollständiges Verzeichnis der zahlreichen Bücher und Karten,
die seit 1560-1896 über die Insel veröffentlicht und von dem
fürstlichen Autor teilweise benutzt worden sind.
|