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Aus Leo Woerls Biografie:
Für
den Ethnologen und den Archäologen, sowie für den Künstler
ist das Studium der verschiedenen volkstümlichen Trachten der Völker
nicht bloss von grossem Interesse, sondern auch von wissenschaftlichem
und künstlerischem Werte. Lassen sich doch aus den eigentümlichen
Volkstrachten zugleich Schlüsse über ihre verwandte Abstammung,
über den Verkehr unter einander ableiten. Dem Pinsel des Malers
bieten sie Stoff zu reizvollen Bildern.
Kein Volk der Erde kann sich rühmen, so schöne, durch Formen-
und Farbenzusammenstel-lung ausgezeichnete Trachten zu besitzen, wie
die Südslawen. Sie verdanken dieselben teils ihrer unmittelbaren
Berührung mit den Osmanen, teils ihrem eigenen Nationalgenius,
zwei Elementen, aus denen eine sehr glückliche Verbindung zwischen
dem üppigen Luxus der Orientalen und dem christlichen Ernst jener
rauhen slawischen Bergbewohner entstanden ist.
Unter den über weite Länderstrecken verbreiteten
Stämmen der Südslawen giebt es aber keinen, der sich durch
eine grössere Mannigfaltigkeit von Trachten bemerklich machte,
als jenes Serbenvolk, welches den ganzen Küstenstrich des Adriatischen
Meeres vom Süden Fiumes an bis zu den nördlichen grenzen Albaniens
bewohnt. Fast jedes Dorf, jedes Gebirgsthal besitzt hier eine andre
Art der Bekleidung, die wieder je nach dem Stande und dem Alter der
Bewohner ausserordentliche Verschiedenheit zeigt.
Während in den meisten Ländern Europas die
Nationaltrachten leider mehr und mehr verschwinden und höchstens
nur noch als Sonntagsschmuck oder bei besonderen Festlichkeiten, namentlich
bei Brautfahrten, zur Schau getragen werden, ist die nivellierende moderne
Kultur noch nicht in die abgeschlossenen, südslawischen Gebirgsgegenden
eingedrungen, sondern man hält hier noch mit wahrer Pietät
und gewissenhafter Strenge an den herkömmlichen Trachten wie an
einem ererbten Gute und einem köstlichen Vorzuge der Heimat fest.

Eine vollständige Sammlung dieser Trachten vorzuführen,
hatte sich der Erzherzog Ludwig Salvator zur Aufgabe gemacht. Leider
ist aus uns unbekannten Gründen die Aufgabe nicht völlig gelöst,
und das Werk blieb unvollendet. Die vorliegenden Abbildungen wurden
sämtlich nach an Ort und Stelle gemachten Aquarellbildern des Verfassers
und unter seiner Leitung von den Malern Emil Lauffer, Guido Manes und
Peter Maixner ausgeführt. Sie stellen durchwegs Porträts dar
und erfüllen den doppelten Zweck, dass sie gleichzeitig als Trachten-
und Typenbilder dienen können. Ausserdem bringen die meisten derselben
auch noch im Hintergrunde den landschaftlichen Charakter der betreffenden
Gegenden zur Anschauung.
Die erschienenen 45 Zeichnungen weisen in fast gleicher
Anzahl Männer- und Frauentrachten auf.
Die Männerkleidung, in der mit Vorliebe die Farben rot und blau
in den mannigfaltigsten Zusammenstellungen vorherrschen, sind einander
in dem Wesentlichsten ähnlich und erinnern vielfach an die Trachten
der Moslems. Die Gewänder sind meist knapp anschliessend, doch
auch die breite türkische Pumphose ist vielfach vertreten; Jacke,
Weste, Beinkleid sind mit Stickereien und aufgenähten, metallenen
Knöpfen reich verziert. Fez oder ein turbanartig gewundenes Tuch
bilden die Kopfbedeckung.
Einen viel mannigfaltigeren und eigentümlicheren Anblick gewähren
uns die Frauentrachten. Viele derselben tragen einen ganz ausgesprochenen
slawischen Charakter; sehen wir die Frauentrachten aus Pago, Budino
St. Eifemia, so werden wir lebhaft an die Volkstrachten in Böhmen
erinnert; die Frauen in Vertica und Zengg in ihren weissen, mit rot
bestickten, oder auch dunklen ärmellosen Obergewändern, eine
Art Kaftan, mahnen an Kleinrussland die eigentümlichen Kopfbedeckungen
der Sinierinnen ähneln teils dem russischen Kakoschnik, teils dem
zylinderförmigen Hute der russischen Nonnen. Ganz eigentümlich
und fast allen gemein sind die eigenartigen, breiten, reich befransten
Schürzen, die auch der rumänischen Volkstracht angehören;
sie verleihen dem Ganzen einen besondern, malerischen Reiz. Reichtum
an Schmuck aller Art, besonders die grossen, der Antike nachgebildeten
Ohrgehänge, die ebenfalls bei dem Besuche des Golfes von Buccari
vom Erzherzog erwähnt worden sind, zeichnet alle uns vorliegenden
Trachtenbilder aus.

Das
grösste Interesse erregt wohl die Mädchentracht aus Obernik;
Gebetbuch und Fächer kennzeichnen sie als Feiertagsgewand, vielleicht
auch als Hochzeitsstaat; sie ist des Versuches einer näheren Beschreibung
wert. Ein 25-30 cm hohes, anscheinendes Strohgeflecht in Form eines
vielfach eingebuchteten Korbes, von einer Menge weisser, roter und blauer
Federn überragt, und unten am Stirnrande von einem Kranz Rosen,
die in die Einbuchtungen kronenzinkenartig hereinranken, umwunden, sitzt
auf der dem mit einem reichen Tuche verhüllten Kopfe. Ein gelb-seidenes
Halstuch, dessen dreieckiger Zipfel gerade vorn auf dem weissen Brustlatze
liegt, ein nur schmales, mit einem blauen , unten mit breitem roten
Streife besetztem Rocke zusammenhängendes Mieder und eine kurze,
grün gemusterte Ärmeljacke bilden die Kleidung, zu der noch
der obenerwähnte Schmuck an Halsketten und den grossen antiken
Ohrgehängen hinzukommt. Ein reizendes Bild; der eigentümliche
Kopfputz könnte den Neid mancher unserer Modedamen erregen, die
auch ihre Hüte nicht hoch und nicht auffallend genug erhalten können.
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