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Aus der Biographie von Leo Woerl mit Originalzitaten
aus Salvators Werk:
Eine kleine Schrift, in welcher der Erzherzog
jenen Schiffsunfall schildert, von welchem derselbe im Jahre 1893 an
der nordafrikanischen Küste betroffen wurde, ist nicht sowohl um
dieses Ereignisses willen hochinteressant, als vielmehr, weil sie wie
keine andre Publikation des Erzherzogs seine persönlichen Gefühle,
seine menschenfreundlichen Gesinnungen, seine liebevolle Fürsorge
für seine Untergebenen und seine grosse Herzensgüte in sympathischer
Weise erkennen lässt.
Die
Fahrt konnte nicht günstiger beginnen. Das Meer war wie polierter
Stahl, glatt wie ein Spiegel, jeden Felsen, jeden Sprung desselben zurückgebend,
und darauf lag die ,Nixe' und ihre Messingsachen glitzerten wie Gold
und spiegelten sich, in gebrochenen Wellen, in der durchsichtigen Flut.
Die silberfarbigen Fische umkreisten sie und die Kormorane hoben ihren
langen Hals empor; sie schienen die alte Freundin zu erkennen, von der
nichts Böses zu befürchten war, und tauchten nieder mit Behagen
in die Flut oder schlugen ihre ausgedehnte Flügel gleichsam wie
zum freudigen Grusse auf einer Felsenhöhe.
Die
Ruhe der Natur wirkte auf mich belebend und stärkend. Wie wohl
würde mir jetzt Ruhe thun nach monatelanger Arbeit, wie gerne möchte
ich aus diesem Becher des stillen kontemplativen Meeresgenusses in vollen
Zügen schlürfen! Aber der Dämon des Wandertriebes gönnt
mir keine Rast. Hinaus führt es, hinaus in die Ferne, die mich
mächtig anlockt. Wie viele Freunde, die mich erwarten! Welch süsses
Wiedersehen nach Monaten, ja nach Jahren! - - - In mächtigem Bogen
setzen wir den Bug gegen Westen; Flaggen hoben und senkten sich zum
Grusse und auch die ,Nixe' senkte dankend ihre Flagge - es war ihr letzter
Gruss.

Den
meisten Leuten geschieht es, dass sie mit dem Zunehmen der Jahre von
ihrer Umgebung weniger geliebt und geschätzt werden. Sei es Zufall
oder Verdienst: ich nahm an mir das Gegenteil wahr. So setzten sich
alle in den Kopf, dass die Navigation allein zu führen für
mich zu anstrengend wäre, und überredeten mich endlich, einem
hiesigen Kapiän, Rafael Vich y Rosello, einem seekundigen Manne,
den Antrag zu stellen, ob er auf 14 Tage oder höchstens einen Monat
mitfahren wolle.

Jahrzehnte
waren vergangen, seitdem ich mich nicht auf der fahrenden ,Nixe' ausgestreckt
hatte. Welch eine Fülle von Gedanken! Doch die Schraube trieb dahin
und bald träumte ich von weissen Häusern, von Minareten und
Palmenhainen. Um 1 Uhr war ich schon wach und stieg aufs Verdeck hinauf.
Der Leuchtturm von der Punta d'Anciola war nahe in Sicht; wie oft hatte
ich ihn freudig erblickt, als ich von Nordafrika nach Mallorca zurückkehrte
Wir setzten Kurs auf Kap Caxine. Vich (der Kapitän) ging schlafen.
Allmählich begann die Dämmerung heranzubrechen und bald stieg
die Sonne klar aber weisslich am Horizonte empor. - - Ich liess das
Verdeck waschen, denn es lag mir daran, dass das Schiff rein und sauber
erscheine und Vich alles nett auf Verdeck finde - diese kleine Eitelkeit,
diese Freude, die jeder Seemann über die Reinlichkeit und gute
Pflege des eignen schwimmenden Heims empfindet. Ich liess sorgfältig
selbst den wenigen Kohlenstaub, der sich in irgend einem Winkel angesammelt
hatte, entfernen. Die gereinigten, frisch gefütterten Papageien
in ihren Käfigen stiessen Freudenrufe über den anbrechenden
Morgen aus, und auch der Affe mit seinen possierlichen Mienen und seltsamen
Grimassen schien an der Freude teil zu nehmen; ja selbst der geschäftige
Kohlenmann, welcher aus dem Kohlenraum emporschaute, war frohen Mutes
und sang heitere venetianische Weisen, welche die Brise dahinführte
- es war der Anfang der Heimreise...

Nur
der, welcher es kennt, vermag es zu würdigen und zu schätzen,
dieses freie Gefühl auf der Flut, in vollem Genusse der frischen
belebenden Luft, welche die Brise auf offener See noch klärt und
genussreicher macht. Sie wirkt, ich möchte fast sagen, stärkend,
begeisternd und erquickend zugleich.

Geraume Zeit ging der Erzherzog mit dem neuangeworbenen
Kapitän auf Deck auf und ab und erklärte die verschiedenen
Einrichtungen, welche dieser vollkommen entsprechend fand. Über
die Lage von Kap Caxine und die dasselbe umringenden, teilweise unterseeischen
Riffe schien der Kapitän im Zweifel zu sein; bald sollte er seinen
Irrtum erkennen, das Schiff blieb an dem nämlichen Riff hängen,
vor welchem der Erzherzog gewarnt hatte.
Als ich einige
Minuten später", schreibt der Erzherzog, "auf Deck kam,
war es leider schon zu spät, obschon ich die Maschine volle Kraft
zurücksetzte. Die Schraube brach beim Zurückschlagen auf die
Riffe, und der Kessel wurde durch F. Fusaris, des ersten Maschinisten
Geistesgegenwart entladen, um thunlichst einer grösseren Gefahr
vorzubeugen. Ich höre noch im Geiste die wuchtigen Schläge,
wie sie an den Seiten der ,Nixe' pochten. Wie hart schlug das Eisen
auf die kantigen Riffe! Ich höre noch das dumpfe Getöse, und
mit Grausen denke ich an das springbrunnenartige Emporschnellen und
Niederfallen der heftig anprallenden Wogen zurück, die unter dem
Schiffskörper der ,Nixe' hervorbrachen. Das Meer von Osten liess
das Schiff mächtig auf den Riffen hin- und herrollen, und ein starkes
Leck öffnete sich in der Nähe der Kohlendepots. Es blieb nun
nichts Anderes übrig, als eiligst zu den Booten zu flüchten.
,El Archidúque, el Archidúque!" rief der arme Vich
in seiner Verzweiflung. Ich bestieg das neue Boot, das kleinste der
vier grossen, das ich vor Wochen erhalten hatte. Wer hätte geglaubt,
dass mir dieses Boot, das ich vor wenigen Tagen noch so geschont hatte,
Rettung bringen sollte! Die Taue wurden zerschnitten, das Boot senkte
sich rasch hinab und fünf Männer warfen sich in dasselbe.
Die anderen Boote wurden von der übrigen Mannschaft
bestiegen, sämtliche alte treue Diener, welche, zumeist Familienväter,
schon viele Jahre in erzherzoglichen Diensten gestanden. Bei der Landung
an der algerischen Küste war es ein eigentümlicher Zufall,
dass zwei dortige Grundbesitzer menorquinischer Abkunft die ersten waren,
welche dem Erzherzog die Hand reichten um ihm ans Land zu helfen. Aber
die übrigen Boote waren verschwunden und obwohl am Ufer sofort
mit Gras und Stroh ein Feuer gemacht wurde, um der Mannschaft als verlässiges
Zeichen für eine geeignete Landungsstelle zu dienen, blieben doch
die Boote ausser Sicht. Sie waren, vom günstigen Wind rasch getrieben,
hinter das Kap gelangt.
Der Erzherzog fährt fort:
Wir liessen
an dem kleinen Strande zwei Männer, die daselbst in Obacht des
Bootes blieben, und fuhren alle gegen Algier zu. - - Endlich erreichten
wir das Thor und hernach den Platz von Algier. Ruggero (einer der Bootsleute)
hatte acht Duros bei sich, unser aller einziges Hab und Gut. Ich hatte
die Absicht zu telegraphieren; da man aber spanisches Geld nicht annimmt,
so ging ich in ein Kaffeehaus, um zu bitten, man möge mir Geld
wechseln, was man mir jedoch verneinte. Einer der Gäste erbarmte
sich meiner, und mit der Zusage, am folgenden Tage, falls sich ein Verlust
ergäbe, denselben zu vergüten, erhielt ich für die acht
Duros sechs Fünffrankenstücke. Nun fuhren wir zum Telegraphenamt
und da telegraphierte ich an Vives (den Verwalter der erzherzoglichen
Besitzung auf Mallorca): ,Glücklich angekommen. Glückwünsche
für morgen.' Ich wollte nämlich, dass mein Telegramm früher
ankomme als die Nachricht von dem Unfalle. Sodann eilte ich zum Hafen,
um zu sehen, ob ich einen Schlepper bekommen könnte, um die anderen
Boote, welche meine Hauptsorge bildeten, aufzusuchen.
Nach mancherlei Bemühungen gelang es dem Erzherzog
endlich, einen solchen aufzutreiben.
Der
kleine Schlepper ,Le Pilote', anfangs als Lotsenboot für Nantes
gebaut, lag vor Anker und bald kam die Mannschaft desselben heran. Gute
drei Viertelstunden mussten wir jedoch warten, ehe der notwendige Dampf
erzeugt war, und als wir wegfuhren, dämmerte es bereits. Welch
angstvolle Nacht!""In Algiers Hafen war es still und ruhig,
nur die sanft auf und abgehenden Wogen bekundeten, dass draussen noch
Ostwind herrsche, der, von Matifou zurückgehalten, in die innere
Rhede nicht eindringt. Allein, wie wir ausfuhren, machte sich derselbe
recht bald geltend, und ich hielt mich fest an einem Ständer, denn
sitzen konnte ich nicht wegen der grossen Hitze, die von dem Kessel
ausging. Wir fuhren weiter. Welche ängstlichen Momente! Werden
wir die Boote wieder finden? Die Herren, welche mir meine Sorge und
Bekümmernis ansahen, trachteten mich zu beruhigen und sagten, dass
wir gewisse alle Leute finden und mit der ,Nixe' zurückkehren würden,
wobei ich jedoch ungläubig den Kopf schüttelte. Ersteres hoffte
ich, letzteres ist wohl unmöglich. ,Mut!' rief Schiaffino auf einmal,
,Ihr Boot schwimmt!' Aber mein Auge starrte nur auf die Meeresfläche,
auf welcher ich keine Boote sah, und blickte gleichgültig auf das
angebliche Schiff, das nur ein kleines Felseneiland war.
Kurz darauf sah ich sie aber, die arme ,Nixe', ihren Kamin, ihre Masten,
ein kleines Stück Achter und noch ein Boot an den Krahnen. Gleichzeitig
sah ich eines unserer Boote, das uns entgegenfuhr. Ich stürzte
mich in ein Boot, das wir mitschleppten, um das entgegenkommende rascher
zu erreichen. Kurz darauf erblickte ich Vichs livide Gestalt. ,Sind
alle beisammen?' war meine erste Frage, 'alle? Keiner verwundet?' -
,Niemand, todos buenos (alle wohl)' war die Antwort. Das Boot näherte
sich, die Freude war zu gross. ,Gracias a Dios, Gracias' rief ich aus
und meine Augen trübten sich und sahen erst das Licht wieder, als
man mir Wasser auf den Kopf warf. Nun fuhr ich ans Land und sah sie
alle wieder gesund, die ich möglicherweise verloren glaubte. Sie
weinten, ich aber beruhigte sie und sagte, man würde ein neues
Boot bauen, und sie mögen sich in das nahe Hôtel du Phare
begeben, um dort inzwischen auszuruhen. Ich fuhr zu dem Schlepper zurück,
dankte den Herren, die mich begleitet hatten, für ihre Freundlichkeit,
meldete ihnen, dass alle meine Leute wohlauf seien, und sagte, dass
ich über Land nach Algier fahren werde. Ich hatte die Absicht mich
gleich nach Notre Damen d'Afrique zu begeben, um im Gebete für
die Rettung aller zu danken. Ich stieg eine Weile, hatte aber nicht
die Kraft, bis hinauf zu gelangen. Meine durch das Laufen und Stehen
während der ganzen Nacht ganz schwach gewordenen Beine versagten
mir den Dienst, und ich kniete auf dem ockergelben Boden nieder und
betete angesichts der Kirche, mit den Gedanken in ihren heiligen Hallen.

Das
Meer hatte sich beruhigt und ich fuhr wieder nach Kap Caxine, um die
Schiffbruchstätte zu besuchen Neapolitanische Taucher waren bei
der Arbeit, um thunlichst ein Paketchen mit 5000 Franken zu bergen.
Ich fuhr zu denselben. Ein Buch von Menorca kam herauf, ohne Einband,
und ich sah die bekannten Holzschnitte wieder, von der Flut durchblättert.
Da kamen alte unterschiedliche Briefe und Papiere der Reihe nach aber
noch immer keine Spur von meinem Gelde. Endlich wurden auch Schuhe ausgehoben
und das Tuch, in welches Geld und Schuhe gewickelt waren, bald darauf
der Kopf eines Antinous aus Neapel, eine geweihte Palme von Lipari,
ein Hängteller, das Chronometer, ein Fernrohr und die Bambusstühle
von Vives Kindern. Die Taucher wurden müde und wir kehrten ans
Land zurück; ich sass eine Zeitlang am Ufer unter den geretteten
Resten, darunter abgebrochene Bussolen, die man im Sande aufgestellt
hatte. Da waren Fragmente eines Oberlichtes, ein Rettungsring, ein Seitenlicht
und zwei Bildchen, von denen eines die bei ihrer ersten Fahrt, während
ich sie in Alexandrien erwartete, vor Korfu strandende ,Nixe', das andre
einen in seiner Einsiedelei betenden Eremiten darstellte. Ersteres hatte
ich als warnendes Zeichen in meine Kajüte gehängt, letzteres
als das, was mir erübrigen würde, wenn ich die ,Nixe' verlieren
sollte; und wie staunte ich, von den vielen Bildern gerade nur die zwei
geborgen zu sehen. Die Rahmen von Gips waren weich geworden und die
Vergoldung klebte sich an die Hand. Ich legte beide Bildchen in den
Schatten; aber siehe da, auch Bücher, Enveloppen! Unwillkürlich,
mechanisch griff ich nach denselben, und das erste, das sich meinen
Augen offenbarte, war Vives Bild, eine alte Photographie, die ihn noch
als ganz jungen Mann darstellte. Da du in Wirklichkeit nicht mit mir
bist, so erscheinst du wenigstens im Bilde, dachte ich mir, um mir Gesellschaft
zu leisten! Ich trocknete das Bildchen, so gut es eben ging, und hielt
es in meiner zitternden Hand; aber die Photographie trennte sich schon
von der Pappe, ich nahm erstere und trocknete sie im Schatten eines
Felsens und es schien mir, dass seine Augen mir Mut einflössten.
Wie kommt es, dass du, der schon in allen Weltgegenden mit mir gereist,
gerade diesmal nicht mit warst? Und doch bin ich froh, dass dir dies
erspart blieb; aber wäre dein scharfes Auge, dein kluger erfahrener
Blick da gewesen, das Alles hätte sich gewiss nicht ereignet! Und
du warst doch vor meiner Abfahrt wieder an das Ufer gekommen, um mitzufahren.
Denn es war dir bange, mich allein zu lassen. Heute ist dein Geburtstag,
du feierst ihn im Kreise deiner lieben fröhlichen Kinder, und alle
denken an mich und freuen sich über meine glückliche Ankunft
in Algier, die ich euch telegraphisch mitgeteilt habe; denn ich wollte
dir die Freude des heutigen Tages nicht verderben. Ich aber sitze nun
hier, verlasse, ohne auch nur einen Schirm zu haben - denn all mein
Hab und Gut, alles liegt unten in der Tiefe - unter sengender Sonne
am einsamen Strande.
Es
blieb mir noch eine Hoffnung, nämlich wenigstens die Maschine zu
retten, und machte den Vorschlag, den Achterteil gegen 30.000 Franken
zu heben. Dies war aber auch nicht gut möglich. Man wollte die
Maschine allein, ohne den Schiffskörper, dann endlich nur in Stücken
heben, und da nach dem Urteil eines französischen Marine-Ingenieurs
die Maschine die Kosten der Bergung nicht mehr wert war, blieb alles
unten in der Flut. Nur weniges haben die Taucher gerettet. Wie viele
Kleinigkeiten liegen da unten, für immer unauffindbar! Das schöne
Bordkreuz birgt nun die Tiefe, es bewacht die Brüche des trauten
Bootes, das es auch so viele Jahre beschützt hatte. - Aber ein
Trost erfüllt mich! Meine ,Nixe' sollte nicht wie ein andres Schiff
enden, durch Alter gebrochen, in den Arsenälen abgetakelt und zu
Eisenbahnschienen oder Häuserschwellen umgegossen werden, nein,
sie sollte ganz, mit allem, was sie enthielt, zu ihrem Elemente zurückkehren,
als echte Nixe zum Meere, und im Angesichte derselben afrikanischen
Küste, wo ich sie in jugendlicher Frische vollendet zum erstenmale
anlangen sah, sollte sie aus meinen Augen verschwinden, und während
die weissen Mönche der Wüste auf der Höhe von Notre Dame
d'Afrique Gebete für die im Meere Verblichene singen und die Brise
weithin ihr andachtsvolles Gemurmel trägt, sinkt die ,Nixe' in
die Tiefe, und an der Stelle, wo sie sich vor kurzem noch erhob, bleibt
nur für wenige Sekunden ein Wirbel, aus dessen Mitte die Mastspitzen
emporragen.

Und wenn ich
auf die ruhige Flut hinabschaue, bildet mein beschleunigter Hauch konzentrische
Kreise, die mich im kleinen an den Wirbel erinnern, in dessen Mitte
die ,Nixe' zu ihrer Heimat zurückkehrte. Und doch, warum liebte
ich sie so, warum Holz und Eisen gerne haben, ich, der so häufig
gegen diesen Hang gesprochen und geschrieben hatte? ,Ich kann nur das
wieder lieben, was mich liebt', sagte ich noch am Tage nach dem Schiffbruch,
und doch fühlte ich für diese Planken etwas Eigentümliches,
etwas nie vorher Gefühltes, als hätte ich sie wirklich geliebt.
Nein, es war die Kette der Erinnerungen an liebende Wesen, die mich
täuschte, ich liebte nicht die Planken, sondern die Wesen und die
teueren Erinnerungen an jene, die auf denselben auch mich geliebt hatten.
Und lebt diese Erinnerung nicht im Geiste? Was braucht Liebe für
äussere Zeichen? Ist etwa dieser mächtigste Zug der Seele
an rostiges Eisen oder morsches Holz gebunden? Oder ist es eine Fascination
der Nixen, war mein Schiff wirklich ein verkörpertes Wesen?

Ein
Meer von Erinnerungen knüpfte sich an die ,Nixe'. Wie viele Hoffnungen,
wie viele Ängsten, wie manches frohe Gelächter, aber auch
wie viele Thränen! Wie viele Briefe, Skizzen, Bordjournale und
Notizen, dazu auch Photographien, Bücher und Karten aller Art!
Dort waren Krüge aus den Dardanellen, dort Hörner einer Gazelle,
die mein Wüstenhund ,Sahab' fing, der so lange mit der ,Nixe' umherfuhr
und jetzt kommen in mein Gedächtnis erst die vielen Hunde, die
auf der ,Nixe' gelebt, ja auf derselben geboren wurden! Dort wieder
die Hörner eines Steinbocks, den einer meiner Beduinen südlich
vom Toten Meere erlegte; dieser wieder erinnerte mich an einen stürmischen
Tag bei Abukir, an welchem der Kübel, in dem er auf dem Verdeck
lag und befestigt war, von einer starken Welle weggewaschen, und von
einer andren wieder an Bord gebracht wurde - ein gewiss nicht häufig
vorkommender Fall! Da ein Stück Cylinderkolben zum Andenken an
einen schweren Maschinenbruch bei Punta Samana in Albanien, wo die Cylinderkolben
brachen, ich aber doch glücklich die ,Nixe' eine Zeit lang vom
Sturme weitertreiben liess, dann ankerte und sie am folgenden Tage mit
Segeln und der Barkasse in Valonas Ankerplatz brachte; dort Reliefpläne
von den Liparischen Inseln und ein dort geweihter Palmenzweig, da wieder
Seide, mit der die teuere Antonietta, dieses Ideal weiblicher Sanftmut,
zu sticken pflegte, dort ein Haufen Bücher von Vives Kindern, mit
denen sie sich während der Sommerfahrten unterhielten.

Und
alle diese Erinnerungen sind jetzt unten in der Tiefe, und wenn ich
an stillen Tagen in das blaue Meer blicke, so kommt es mir vor, als
hörte ich Nixenstimmen und scherzende Worte emporkommen, sie lachen
und kichern, sie sind fröhlich und heiter - ist es Traum oder Wirklichkeit?
- als sagten sie: Jetzt ist dein Heim unser Hab und Gut, aber wir werden
dir eine neue schönere ,Nixe' hinaufsenden, welche jugendsprühend
und lächelnd, mit den Wellen scherzend und liebkosend, dich auf
dieselben führen wird, bleibe nur den Nixen treu! Und die an den
Riffen sanft brechenden Wellen scheinen zurückplätschernd
auf die Flut ein tausendfaches Echo der letzten Worte zu wiederholen.

Ich
komme mir so unbeholfen am Lande vor, wie ein Einsiedlerkrebs, der seine
Schnecke verlor, die ihm seit Jahren als Gehäuse diente, und nun
schüchtern herumkrabbelt, eine verlassene Murex oder eine Purpura
suchend, in welche er sich wieder einnisten könnte. Denn das Boot
war für mich kein blosses Bewegungsmittel, es war das eigentliche
Haus, in welchem ich so lange geweilt hatte, das einzige Haus, in welchem
ich mich wirklich heimisch fühlte; denn ich hatte das Gefühl,
dass ich jederzeit damit wegreisen könne. Jetzt aber, wenn ich
nachts erwache und denke, dass ich kein Boot mehr habe, mit dem ich
fortwandern kann, so wird mir bange zu Mute, ein Gefühl der Furcht,
der Angst bemächtigt sich meiner, das Zimmer kommt mir wie ein
Gefängnis vor, und ermattet wieder einschlummernd, wiederholen
unbewusst meine Lippen automatisch die Worte: ,Ein Schiff, ein Schiff!'
- - -
Der erzherzogliche Seemann hat sich in
Bälde wieder ein schwimmendes Haus erworben, eine neue ,Nixe',
und sich wieder jenem trügerischen und doch so verlockenden Elemente
anvertraut, welches einen so unvergleichlichen und unbeschreiblichen
Zauber auf alle übt, welche jemals das Glück langer Seefahrten
genossen, welche so stärkend, belebend, und entzückend wirken.
Und mit Begeisterung, ja es ist der Ausdruck innerster Empfindung, wiederholt
der kaiserliche Prinz in seiner Schrift den poetischen Ausruf eines
andren kaiserlichen Seemannes: *)
Hinaus,
hinaus aufs weite blaue Meer,
Hinaus, wo Himmel nur und Welle,
Wo nie das Herz mir bang und schwer,
Zu Schiff, zu Schiff ist meine Stelle!
*) Erzherzog Ferdinand Max,
Oberkommandant der österreichischen Kriegsmarine
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