| Aus der Biographie von Leo Woerl mit Originalzitaten
aus Salvators Werk:
In jenem Winkel des sicilianischen Meeres, der einerseits
die Westküste Kalabriens, andererseits die Nordküste Siciliens
einschliesst, liegen, auf der smaragdenen Wasserfläche zerstreut,
die Liparischen Inseln. Wenn man von den benachbarten Klippen und Riffen
absieht, zählt man sieben, deren bedeutendste Lipari heisst, die
auch der ganzen Gruppe den Namen verleiht, sodann folgen ihrer Grösse
nach Salina, Vulcano, Stromboli, Filicuri, Alicuri und Panaria. Die
mythologische Sage hatte auf den liparischen Archipel das Reich des
Äolus versetzt, wohl aus dem Grunde, weil von dieser Richtung her
die heftigsten Sturmwinde wehten, die sich dann an der sicilianischen
Küste brachen. Die alte Geschichte erzählt uns aber von einem
liparischen Staat, der als Vermittler des Handels zwischen Sicilien
und dem italienischen Festland zu so hoher Entwicklung und Blüte
gelangt sein soll, dass er bald den Neid und die Eroberungslust der
damaligen Seemächte reizte. So heisst es, seien die Äoliae
oder Vulcaniae insulae zuerst in die Gewalt des berühmten syrakusaner
Tyrannen Dionysios geraten, um nicht lange darauf unter karthagische
Herrschaft gebracht zu werden, bis die römische Macht auch dieses
Inselgebiet in das grosse, gewaltige Reich aufnahm. Erst im späteren
Mittelalter ist von den Liparischen Inseln wieder einmal die Rede, als
König Robert von Neapel davon Besitz ergreift; da beginnen aber
bald traurige Zeiten. Die nominelle neapolitanische Herrschaft gewährt
keinen Schutz gegen die Angriffe und Plünderungen der Sarazenen,
und endlich erliegt die Stadt Lipari dem wilden Seeräuber Khair
Eddyn, Barbarossa genannt, der sie in Asche legt. In den folgenden Jahrhunderten
wandern zwar wieder Fischer und Landbauern ein, selbst aus Spanien sollen
zahlreiche Familien auf den Inseln sich niedergelassen haben, aber in
der Welt- und Handelsgeschichte geschieht seitdem der Liparischen Gruppe
fast keine Erwähnung mehr.
Der köstliche, vom vulkanischen Boden genährte Wein ist der
einzige Bote, der den Namen seiner Heimstätte auf irgend einer
table d'hôte verkündet, sonst aber weiss man selbst in Italien
nicht viel mehr von Lipari, als dass dort eine gewisse Anzahl unverbesserlicher,
öfter abgestrafter Verbrecher in einer Zwangskolonie halbfrei auf
Mittel und Wege sinnen, um sich einst an jener Gesellschaft zu rächen,
die sie aus ihrem Schosse verbannt hat.
Es ist daher nicht ohne ein Gefühl des Erstaunens, wenn wir erfahren,
dass ein fürstlicher Gelehrter und Schriftsteller, Erzherzog Ludwig
Salvator von Österreich, die armen, halböden, vergessenen
Eilande zum Gegenstand sinniger und eingehender Beobachtungen gemacht
hat und sie uns bis in die genauesten Einzelheiten in Wort und Bild
darstellt. Für den Forscher und Reisenden giebt es heutzutage kaum
noch ein Land, das fern genug ist von der zivilisierten Welt, um seiner
Thätigkeit ein Feld zu oft höchst romanhaften Schilderungen
zu bieten, während das Naheliegende der Beobachtung nicht wert
erscheint. Bald sind es die starren Eisfelder des Nordens, bald die
glühenden Wüstenländer des Südens, bald der nun
fast ausgerottete Urwald Zentralafrikas oder die endlosen Steppen Mittelasiens,
die den Reise- und Forschungslustigen anlocken; an der alten Welt aber,
an der Heimat, fährt man mit gleichgültigen Blicken vorüber,
als ob es dort gar nichts Unbekanntes, gar nichts Sehenswürdiges
mehr gäbe. Erzherzog Ludwig Salvator ist indes anderer Ansicht;
er hält es für keine undankbare Aufgabe, manche halbvergessene
Gegend gewissermassen von neuem zu entdecken und vor den Augen des gebildeten
Publikums ein Bild zu entrollen, das so viel Unbekanntes und Interessantes
nach allen Richtungen hin darbietet, obgleich dieses Gebiet von Neapel
oder Palermo aus nach einer Seereise von nur wenigen Stunden zu erreichen
ist. So kam es, dass der fürstliche Autor sich die Aufgabe stellte,
die Gruppe der Liparischen Inseln wiederholt zu besuchen.
"Während ich mich mit meiner Schilderung der Balearen beschäftigte,",
heisst es im Vorwort zum ersten Band, "und zu diesem Behufe ab
und zu dahin fuhr, hielt ich mich zu wiederholten Malen bei den Liparischen
Inseln auf, welche von der Adria aus so ziemlich in der Mitte des Weges
gelegen sind. So ging es jahrelang und jedes Mal trachtete ich einen
neuen Winkel zu erforschen und neue Bilder zu zeichnen. Auf diese Weise
entstanden diese Skizzen und diese Seiten. Die an Ort und Stelle geschriebenen
Notizbücher dienten dem Setzer als Manuskript; die unter liparischer
Sonne bis ins kleinste Detail gezeichneten Skizzen wurden genau bis
auf das unscheinbarste Gerölle auf Holz übertragen."
Und in der That kann man sich kaum eine gewissenhaftere Arbeit denken
als die uns vorliegenden, mehr oder minder umfangreichen Bände.
Schlicht und klar fliesst das Wort, aller rhetorische Flitter wird sorgfältig
vermieden; der Stil ist einfach, ja schmucklos, dafür aber ist
jedes Wort der Sache entsprechend und mit fachkundigem Sinn richtig
gewählt. So auch die zahlreichen, prächtigen, künstlerischen
Abbildungen, mit denen der Text geschmückt ist, welche dem Beschauer
ein deutliches, genaues Bild von dem dargestellten Gegenstand geben.
Das Werk besteht aus acht Bänden, wovon jeder eine der sieben Inseln
behandelt, während der achte Band den allgemeinen Teil enthält.
In ihrer Zusammenfassung aber gewähren diese Publikationen ein
vollendetes Gemälde der liparischen Inselwelt. Geologische Bildungen,
Mineralien, Tier- und Pflanzenwelt, der Mensch mit allen seinen Lebensbedingungen,
Ackerbau, Fischerei, Jagd, Industrie, Handel, Sitten, Religion, kurz
alles, was den Naturforscher, den Soziologen und den Künstler anziehen
kann, ist in Wort und Bild genau dargestellt und zeugt von der erstaunlichen
Beobachtungsgabe und Gründlichkeit des Verfassers, sowie von dessen
voller Hingebung an die gestellte Aufgabe.
Vom statistisch-volkswirtschaftlichen Standpunkte ist der achte Band
der bedeutendste; er behandelt die ganze liparische Gruppe. Die ersten
zwei Kapitel besprechen ausführlich das milde, infolge der herrschenden
Ventilation äusserst gesunde Klima, sowie die topographisch-physikalischen
Verhältnisse d.h. Mineralien, Fauna und Flora jener vulkanischen
Gruppeninseln, welche, vollständig aus Eruptivgestein bestehend,
mit Recht als versteinerte Landschaften bezeichnet werden. Spärlich
ist der Pflanzenwuchs, fast gänzlich fehlen die Bäume. Die
Hauptkultur bildet der Weinstock, der fast jede andre Vegetation verdrängt
hat. Nichtsdestoweniger sind die Felsen am Ufer und die der Kultur nicht
abgewonnenen Höhen mit Sträuchern und kleinen Pflanzen bekleidet;
besonders die Opuntia kommt überall in Hülle und Fülle,
bald die Häuser umringend, bald die Felsenkanten der Küste
erklimmend, zum Vorschein.
Die Tierwelt ist jener des benachbarten Siciliens, namentlich Messinas,
ähnlich. Seemöven und Wildtauben in grosser Menge hausen in
den Höhlen und Klippen, eine Unzahl Zugvögel kommen zweimal
im Jahre an diesen Küsten vorüber und die spiegelglatte See
wird belebt von ganzen Schwärmen von Puffinen, welche, behend dahinschwimmend
oder plötzlich auffliegend, scheinbar mit ihren scharfen Flügelspitzen
die Meeresfläche berühren.
Im dritten Kapitel wird in streng objektiver Weise die Bevölkerung
in all ihren statistischen und dynastischen Elementen geschildert: Die
Zahl der Bewohner, die auf 21 210 Personen angegeben ist; Geschlecht,
Sterblichkeit, Kriminalität, Zuwachs, Aus- und Einwanderung u.s.w.,
mit einem Wort, all jene Momente, die in Ziffern ihren beredesten Ausdruck
finden. Nebenbei folgen noch allerlei nützliche Erklärungen
und Notizen, wobei dem Verfasser wieder sein so geschickt gehandhabter
Stift zu statten kommt, sobald es sich darum handelt, ethnographische
Momente, wie z.B. Menschentypen, Volkstrachten, Häuserbau, innere
Einrichtung der Wohnungen u.s.w., darzustellen. Über Sitten, Gewohnheiten,
Sprache und Volkslitteratur der Liparioten dürfte schwerlich anderswo
so viel Interessantes und Unbekanntes zu finden sein, als in diesem
Kapitel. Wie treffend und anschaulich schildert Erzherzog Ludwig Salvator
die Bewohner der Liparen in folgenden Worten:
"Der Charakter der Liparioten ist sanft und gutmütig, Raub
und Mordthaten, von denen man auf Sicilien so viel hört, kennt
man hier nicht. Vollkommen sicher kann der Fremde unter diesem gefälligen,
heiteren, fröhlichen Völkchen, das schnell das Herz gewinnt,
dahin wandern und bald wird es ihm unter den Leuten gefallen, denn sie
zeigen, ich möchte sagen naive Zutraulichkeit. Namentlich ist dies
bei den jungen Mädchen zu bemerken, denen man ganz allein auf den
Höhen begegnet, wo sie scherzend und singend dahinziehen in wahrer
kindlicher Unschuld. Dieses naive Wesen derselben zeigt sich recht deutlich
am Strande, wo sie kichernd und lachend sich im Meere waschen und hochaufgeschürzt
ihre wirklich junonischen Formen unverhüllt den Augen der Vorübergehenden
preisgeben, ohne dass ein entfernter Gedanke, dass dies nicht sittsam
wäre, in ihnen auftauchte. Ein charakteristischer Zug der Liparioten
ist ihre wirklich rührende Liebe zur väterlichen Scholle,
die am besten folgende, mir selbst zugestossene Begebenheit darthut:
"Die Felsenufer des Pignataru beherrschend, steht ein kleines Haus,
von Kaktusfeigen umringt, in dessen Nähe einige Zitronen- und Orangenbäume
wachsen. Ich sass gern auf jenem luftigen Astricu mit dem lieblichen
Ausblick auf Lipari, das klippenstarre Vulcano und das ferne Sicilien.
Zu wiederholten Malen hatte ich in seiner Nähe geankert, als mir
eines Tages die Idee kam, die kleine Erdscholle zu kaufen. Ich rief
zu dem Zwecke den Eigentümer, einen alten braven Bauern, und gab
ihm mein Vorhaben bekannt, wobei er stumm zuhörte. Ich frug, was
er dafür haben wolle, worauf er antwortete, dass er nicht wisse,
was sein Anwesen wert sei. Ich machte ihm den Vorschlag, den kleinen
Grund und das Haus schätzen zu lassen und versprach, das Doppelte
des Schätzungswertes zahlen zu wollen. Er ging darauf unter der
Voraussetzung ein, dass seine vier Söhne damit einverstanden wären.
Abends kam der Bauer wieder und teilte mir mit, dass er nach vielen
Schwierigkeiten von den Söhnen eine bejahende Antwort erhalten
habe. Ich gab ihm den Auftrag, alle zum Kaufvertrag nötigen Dokumente
zu sammeln und dieselben dem Notar zu übergeben, der alles fertig
machen würde, worauf er bei meiner Rückkehr auf die Insel,
nach etwa drei Monaten, den Betrag ausgezahlt erhalten würde. Wir
schieden mit einem herzlichen Händedruck. Abends dampfte ich westwärts.
Die Nacht war still und sternenhell, nur ein Rauchwölkchen hing
auf der Fossa von Vulcano und lange träumte ich vom sonnigen Astrico
von Pignataru, bis die Liparen am Horizonte verschwunden waren.
Nach drei Monaten liess ich den Anker wieder am Pignataru fallen. Der
Astricu des Hauses sah ganz festlich aus, die Mädchen hatte ihr
bestes Mucadori auf das Haar geknotet und schienen mit Sehnsucht auf
meine Ankunft zu warten; ich freute mich im Innern, auf meinem Astricu
sitzen zu können. Kaum hatte ich gelandet, kam mir der alte Bauer
mit trauriger Miene entgegen und sagte zu mir: ,Herr, ich bitte um eine
Gnade. Sie wollen mir den Grund und das Häuschen doppelt bezahlen
und ich kann Ihnen dafür nur danken. Aber, seitdem ich es verkauft
habe, ist es mir bang im Herzen; wie kann ich mich von der Scholle trennen,
die ich von meinen Eltern ererbte; meine Söhne sagen mir, dass
der Grund gross genug sei, um noch vier andere Häuschen daselbst
zu bauen und dann könnten sie alle neben mir wohnen. Ich will mein
Wort, das ich gegeben, nicht brechen, und bitte um die Gnade, dass Sie
mich davon befreien.'
Und da traten die Mädchen mit der gleichen Bitte zu mir und brachten
Orangen in ihren Schürzen, die sie mir anboten; selbst die Kinder
brachten mir Blumen und weinten und baten, ich möge ihnen das Häuschen
lassen, sie wollten keinen Gewinn, sie wollten nur das weiter besitzen,
wo sie gross geworden seien, wo sie sich entfaltet haben, gleichsam
wie die schönen Kapernblumen, die sich an den unteren Felsen anschmiegen.
Mit Rührung betrachtete ich diese Scene, als wir das Astricu erreichten,
ich spürte die warmen Thränen der Mädchen, die auf meine
Hände wie glitzernde Perlen herabrollten und hörte das durch
die Spannung hervorgerufene schnelle Atmen der Kinder. ,Oh, gute brave
Leute', sagte ich, ,wollt ihr nichts anderes, Haus und Grund sollen
euch gehören. Wie könnte ich das Herz haben euch zu entreissen,
was ihr so sehr liebt!' Aus allen Kehlen wurden Jubelrufe laut, die
Mädchen liessen in ihrer Freude die Orangen aus den Schürzen
fallen, sodass sie wie Goldkugeln auf den Astricu herabrollten, die
Kinder streuten ihre Blumen aus und so bot sich wie durch Zauberkraft
ein herrliches Bild.. Da trat aber der Alte gravitätisch vor und
richtete an mich folgende kurze, aber warm gefühlte Ansprache:
,Herr, durch deine Gnade habe ich wieder Frieden und Glück, mein
und meiner Kinder und Kindeskinder Segen falle auf dein Haupt. Aber
das Willfahren der erbetenen Gnade giebt mir den Mut, eine zweite zu
verlangen, ohne deren Erfüllung die erste wertlos für mich
wäre. Das Haus bleibt mir, aber ich will, dass es auch dein sei;
jedes Mal, wenn du herkommst, kehre wieder ein auf diesem Astricu, das
dir gefällt, und bleibe unter uns, betrachte uns wie deine Leute
und freuen dich an unserer Freude.' Dabei ergriffen die Anwesenden meine
Hände und als ich die Bitte des Alten zu erfüllen versprach,
hatten der Jubel und die Freude kein Ende.
Seitdem sind lange Jahre verstrichen und jedes Mal, wenn ich wieder
dort ankere, bringe ich einige Stunden auf dem Astricu zu, labe mich
an der entzückenden Aussicht und plaudere mit den guten Leuten,
oder höre den heiteren Klängen des Tamburins zu, welche von
den nahen Felsenwänden wiederhallen, von dem Gesange rhythmischer
Weisen begleitet."
Die Liparioten zeigen vollständig den Typus der Sicilianer. Die
schönsten leben auf Panaria und Salina. "Häufig",
sagt der hohe Verfasser, "habe ich gefragt, ob in Marfa überhaupt
ein junges Wesen sei, Knabe oder Mädchen, welches man nicht schön
nennen könnte. Insbesondere unter den jungen Mädchen sieht
man Gesichter von seltener Schönheit und Reinheit der Züge,
auch unter den Knaben giebt es wahre ideale Köpfe. In späteren
Jahren kommt allerdings der charakteristische Typus, verlängerte
Nasenläppchen und meistens eine etwas krumme Nase mehr zum Vorschein.
Eigentümlich ist auch der tiefe Basston, in welchem sie zu sprechen
pflegen, und mächtig erklingt die Stimme der Fischer am Fusse der
steilen Felswände, wenn sie sich gegenseitig zurufen. Ihre Sprache
ist das Sicilianische mit einigen spanischen Worten, ebenso tragen sie
die charakteristische rote oder blaue Schärpe um den Leib geschlungen
und auf dem Haupte die neapolitanische rote Fischermütze, die sie
im Sommer mit einem Strohhut vertauschen. Die Frauen sieht man stets
mit dem bunten, rot geblümten Kopftuche, das sie meistens hinter
dem Kopfe befestigen, zuweilen auch malerisch um denselben winden."
Von der Bildung der Einwohner auf den Liparischen Inseln kann der Erzherzog
wenig Günstiges berichten. Unwissenheit und Aberglaube sind vorherrschend,
was nicht zu verwundern ist, wenn man liest, dass im Jahre 1871 nur
3496 Männer und 389 Frauen lesen und schreiben konnten, und zwar
sämtlich auf Liparia; auf den übrigen Inseln war der Geistliche
allein des Lesens und Schreibens kundig. In neuerer Zeit hat sich das
Verhältnis etwas gebessert, nachdem neue Schulen gegründet
wurden. Die religiöse Bildung ist, wie begreiflich, auch sehr gering,
dagegen äussert sich das religiöse Gefühl in äusseren
Akten und die Masse des Volkes wahrt die tief wurzelnden Gebräuche
des Katholizismus. Unzählige Sprichwörter sind im Gebrauch
des Volkes; manche stammen aus Sicilien, auf den Liparischen Inseln
haben sie aber einen seemännischen Charakter angenommen. Wir fügen
einige davon bei:
Die Brust der Frauen ist grösser wie das Meer, es fahren darin
ein und aus die Fischerbarken.
Besser arm als dumm sein.
Wo der Grössere vorhanden ist, hört der Kleinere auf.
Stürme und Frauen machen was sie wollen.
Willst du mit den Gerichten nichts zu thun haben, so trage kein Messer
bei dir.
Wenn die Hoffnung verloren ist, schreitet die Vorsehung ein.
Die Soldatenliebe ist von kurzer Dauer. Man schlägt die Trommel,
lebe wohl, Mädchen.
Der Mann ohne Weib ist halbtot, ohne Geld ist er ganz tot.
Musik und Tanz bilden überhaupt die Hauptunterhaltung der Bewohner.
Als einheimisches Musikinstrument haben die Bauern den sogenannten Frantu,
ein mehrfach durchlöchertes Pfahlrohrstück, den Dudelsack
und das Tamburin. Die Lieder werden eintönig und in einem etwas
näselndem, aber recht wohlthuenden, heiteren Rhythmus mit gleicher
Kadenz gesungen. Sie haben ihre volle Wirkung, wenn man sie von weitem
hört, hauptsächlich wenn die Weiber auf dem blauen Meere rudern
und ihre Liebeslieder am Fusse der wilden Abstürze ihrer zauberhaften
Küste erschallen lassen.
Sehr sangeslustig sind die jungen Leute, wenn sie den Most bringen,
und weithin vernehmbar singen die Weiber beim Feigenpflücken und
bei der Feldarbeit. Die Conzuna ist das alte Lied der Überlieferung,
die Kundgebung der Liebe und der verschiedenen Gefühle derselben,
einige sind von südlicher Glut.
Die auch für den Sprach- und Litteraturforscher interessante Sammlung
von Volksliedern hat der hohe Verfasser genau so wiedergegeben, wie
er sie aus dem Munde der Liparioten erlauschte.
Von Dir scheidend,
theuere Geliebte,
Wie blieb ich arm und betrübt!
Ich blieb unter Seufzen, Thränen und Klagen,
Aus meinem Sinn kann ich Dich nicht entfernen,
Denn im Herzen blieb mir deine Erinnerung,
Der Schaum im Munde und die Schönheit im Sinn.
Wenn ich zu Bette gehe, finde ich nicht die geringste Ruhe;
Denn ich entbehre deiner Freundlichkeit.

Ich
möchte wissen, was ihr esset,
Denn immer weiss und rot erscheint ihr mir,
Ich glaube, es muss eine delikate Speise sein.
Je mehr ihr davon esset, desto schöner erscheint ihr,
Wenn an diesem Fenster ihr hinausschaut,
Gebietet ihr Halt den Strahlen der Sonne.
Von so vielen Kinder, die eure Mutter gebar,
Nur ihr für meine Augen scheinet schön.
Das sage ich dir, glückliche Lilie,
Gesegnet die Mutter, die dich gebar.

Meine
liebe Königin, öffnet, öffnet,
Haltet nicht mehr diese Thüren geschlossen,
Darinnen haltet ihr ein schönes Mädchen,
Jenes mit den gezuckerten Lippchen;
Lasset sie mich sehen, lasset mich,
Denn eines Tages wird sie die Meine sein.
Was meint ihr dazu?

Ade,
Lipari, glücklicher Felsen.
Warum, wenn ich an deinen Namen denke, habe ich keinen Frieden?
Ich erinnere mich nicht, dir etwas gethan zu haben,
Warum zeigst du mir dies zähe Herz?
Vielleicht mir diesem Liede werde ich Frieden machen.
Weinstockblüte!
Der Mond geht seine Bahn über die Welt und den Schlafenden.
Der gewöhnliche Tanz ist die sicilianische Tarantella, der neapolitanischen
sehr ähnlich. Eine besondere Volksbelustigung bildet die Erbauung
eines Hauses oder eines neuen Terrassendaches auf ein altes Haus. Dieses
frohe Ereignis wird mit Tanz und Schmaus gefeiert. Sieht man so ein
Fest bei der Glut der Abendsonne, mit der feenhaften Aussicht, die fast
ein jedes Haus entweder auf das Meer, oder auf die Höhen besitzt,
und hört man die frohen Laute von der Höhe ertönen, so
hat dies etwas Märchenhaftes an sich, und man wird unwillkürlich
in eine elegische Stimmung versetzt.
Es folgen die Schilderungen der Volksbelustigungen, der Karten-, Kegel-
und Kugelspiele, der Hochzeiten, Geburten und Sterbefälle, die
auch in Liparien Anlass zu besonderen, vom Verfasser eingehend beschriebenen
Feierlichkeiten bilden.
Ausser der Stadt Lipari giebt es auf den Liparischen Inseln nur kleine
Ortschaften, die zumeist aus zerstreut liegenden kleinen Häuschen
bestehen und eine sogenannte Cuntrata bilden. Die weiss angestrichenen
Häuschen auf dem Lande haben überall das platte Dach und eine
Terrasse oder Astricu mit drei oder mehr weiss getünchten Säulen,
welche ein Rebendach tragen. Eine äussere Treppe führt zu
den oberen Räumen. Fast jedes Haus hat eine Cisterne und einen
isoliert stehenden Backofen, der wie ein in die Erde gestecktes Ei mit
halbkreisförmiger Öffnung aussieht. Die Stallung für
das Vieh ist mit einem Vordache versehen, unter welchem man bei Nacht
oder Regen die Trauben und Feigen trocknet. Die Kaminöffnungen
sind eingemauerte Töpfe ohne Boden, die man, wenn es kalt ist,
mit Stroh zustopft.
Ein weiteres Kapitel enthält die auf den liparischen Ackerbau bezüglichen
Notizen, wie Bodenausdehnung, Besitzverhältnisse, Agrarverträge,
Hypothekenschuld, dann Ackergeräte, Bebauungssystem, Bewässerung,
endlich die namhaftesten Bodenprodukte, unter denen Wein den ersten
Rang einnimmt, wenn schon auch Obst eine ziemlich wichtige Rolle spielt,
während Korn und Hülsenfrüchte kaum für den einheimischen
Bedarf ausreichen. Die Kultur der Traube bildet die ausschlaggebende,
welche sowohl zur Gewinnung von Wein, wie zur Erzeugung von Rosinen
besonders gepflegt wird. Man bereitet aus den schwarzen, ins Rötliche
spielenden Trauben Rotwein und den sogenannten Moscato nero, aus den
weissen Trauben wird Muscat und Malvagia erzeugt; letzterer, welcher
auf der Insel Salina gebaut wird, erfreut sich eines grossartigen Rufes.
Von den übrigen Agrarindustrien verdient wohl nur die Viehzucht
eine besondere, obgleich nur relative Beachtung, da es im ganzen Inselgebiet
, nach den neuesten statistischen Erhebungen, nicht mehr als 4900 Stück
Vieh (Rinder, Schafe und Ziegen) giebt. Ist das Jagderträgnis verschwindend
gering, so tritt hingegen der Fischfang als wichtiges Erwerbsmittel
hervor. Auf den Liparischen Inseln ist jedermann Fischer, selbst die
Frauen lenken die Boote und beteiligen sich am Fischfange. Daher besteht
auf den Liparen noch die alte Sitte, dass, wenn bei Sturm eine Barke
dem Ufer nahe in Gefahr ist, die Sturmglocke läutet und jedermann,
Männer und Frauen, Reiche und Arme an den Strand eilen, um die
Nahenden zu retten.
Es darf daher nicht wundernehmen, wenn der Verfasser mehr als 350 Fischerböte
verzeichnet und diesen bedeutendsten Erwerbszweig, mit allen damit zusammenhängenden
Gerätschaften, in eingehender Weise beschreibt und illustriert.
Infolge der äusserst günstigen Lage ihrer Inseln und obgleich
im ganzen Bereich nur ein einziger Hafenplatz, und zwar jener von Lipari,
vorhanden ist (sonst giebt es nur schottriges Strandufer), haben die
Liparen von alters her die Schiffahrt betrieben. Dieser Beschäftigung,
die übrigens in der Neuzeit im Aufschwung begriffen ist, hat der
Verfasser ein besonderes Kapitel, reich an geschichtlichen und statistischen
Daten, gewidmet. Über Bergbau und Industrie weiss er dagegen, trotz
seines unermüdlichen Sammelfleisses, nur wenig zu berichten. Ehemals
gewann man, besonders auf der Insel Vulcano, beträchtliche Quantitäten
Schwefel, Alaun, Borax und aus dem Monte Pilato besonders viel Bimsstein;
heutzutage ist jedoch der Bergbau fast gänzlich in Verfall geraten
und eine Industrie, die diesen Namen verdient, noch nicht entstanden.
Aus diesem Grunde ist auch der Handel von keiner grossen Bedeutung.
Die Einfuhr besteht nur in Waren, die zum unmittelbaren Gebrauche dienen,
hauptsächlich aber in Weizen und Mais, während die Ausfuhr
nur in Bimsstein, Wein, Rosinen, Cibeben, Kapern und wenigen anderen
Artikeln bethätigt wird.
Den Schluss des überaus interessanten achten Bandes bilden Notizen
über die Verkehrsanstalten, über Behörden und verschiedene
lokale Einrichtungen, wie z.B. Spitäler, öffentliche Ämter
u.s.w. Diesem Berichte entnehmen wir, dass die Inseln untereinander
und mit Neapel und Messina in Telegraphen- und regelmässigem Postdampferverkehr
stehen.
Auf Lipari giebt es eine kleine Garnison, hauptsächlich zur Bewachung
der Deportierten, deren über 600 vorhanden sind. Die Gefangenen,
welche sich dort frei bewegen, können sich einen Nebenerwerb suchen.
Wir gehen zur Besprechung der einzelnen Bände über.
Vulcano
Wenn man von der Nordküste Siciliens nach den Liparischen Inseln
hinüberfährt, so erreicht man, als erste derselben, Vulcano.
Sie ist wegen ihres grossen, noch drohenden Kraters, der 386 m über
dem Meere aufsteigt, und ihres wilden, echt vulkanischen Aussehens,
eine der merkwürdigsten. In ihrer klippenstarrenden, häufig
in herrlichen Linien sich hinziehenden Gestalt liegt ein eigentümlicher
Reiz. Die Insel ist infolge der glühenden Lavastürze bei den
Eruptionen des Vulkans fast gänzlich kahl und unbebaut und sieht
mit ihrer abgebrannten kupferigen Farbe sehr eigenartig aus. Nur auf
der gegen Sicilien blickenden Südseite zeigt sie etwas Vegetation,
Weingelände, Feigenbäume und immergrüne Eichen, zwischen
denen einige Häusergruppen liegen.
Das 21 Quadratkilometer grosse Vulcano ist mittels einer niedrigen sandigen
Landzunge mit Vulcanella verbunden und bildet auf beiden Seiten den
doppelten Hafen von Puorto di Puenti und die Levanti. Der Hauptanziehungspunkt
und eine stets drohende Gefahr für die Insel ist die Fossa, wie
der Vulkan genannt wird. Gar schroff und malerisch sind dessen Abstürze
gegen den, mit einer Reihe kleiner Kuppen umrandeten Krater. Gleich
einem glühenden Backofen siedet und brodelt es in seinem trichterförmigen
Kessel, dem ein erstickender schwefeliger Rauch entsteigt. Namentlich
am Abhange des Berges befinden sich viele Öffnungen, welche noch
stärker sieden und rauchen wie der Krater selbst. Die ganze benachbarte
Gegend, besonders die aus schlackig-poröser, rötlicher Lava
mit Tuffstein-Unterlage bestehenden Felsen, sind mit grossen Mengen
feinen Sandes überdeckt, der stets vom Winde bewegt wird.
Das Innere der Insel bildet eine breite Fläche, die sich im Süden
an das Hochplateau anschliesst und von einer Reihe Bergkuppen umgeben
ist. Am Fusse der Abhänge im Westen erhebt sich der Leuchtturm.
Die Ufer verlieren hier ihren wilden Charakter, man sieht kleine Häuschen
mit Opuntiengärtchen, einzelnen Getreidefeldern und, mitten unter
Weingeländen, eine Kapelle mit Glockengiebel. Vereinzelt begegnet
man den immergrünen Eichen und es ist eine wahre Wonne, in heissen
Tagen, auf der schattenlosen Insel, unter diese tiefschattigen Baumkronen
zu flüchten.
An die flache Zunge, welche Vulcano mit Vulcanello, dem alten Vulkan,
verbindet, schliesst sich die sanft ansteigende Küste mit schwarzen
knotigen Lavafelsen. Deutlich erkennt man verschiedene, von Tuffsteinbänken
umgebene, alte, ausgestorbene Kraterformationen. Warme Schwefelquellen
steigen im Meere empor, man sieht das Wasser rauchen, und wenn man die
mit schwefeliger Kruste überzogenen Steine ausgräbt, steigen
starke Dämpfe mit Schwefelgeruch auf,, welche das Meerwasser bis
35-41° R. erwärmen.
Salina
ist nach Lipari die grösste, bevölkertste und gleichzeitig
die reichste unter den Äolischen Inseln. Sie misst 26 Quadratkilometer
und besteht aus zwei Kegeln, die durch ein Plateau voneinander geschieden
werden und von denen die Muntagne d' i Filici 961,71 m hoch, die bedeutendste
der Liparischen Inseln, häufig von Falken umflattert wird. Die
Insel schaut grünend und lachend aus, da ihre Höhen mit Buschwald
bewachsen, die unteren Lehnen mit Weingeländen bekleidet sind,
aus deren Grün die weissen kleinen Ortschaften und einzelnen Häuschen
freundlich hervorblinken.
Der Hauptort St. Maria nimmt eine breite Strecke des gegen den Kanal
liegenden Ufers ein. Die hübschen, mitunter modern gebauten Häuser
mit Balkonen gruppieren sich um die stattliche Kirche St. Maria, welche
mit zwei Türmchen geschmückt ist. Einen malerischen Anblick
gewährt eine Reihe von Fischerhäuschen, welche sich auf einer
Art Damm hinziehen, mit Treppen, die von aussen hinaufführen und
stets von der Brandung umspült werden. Schön ist auch der
Anblick der kleinen Ortschaft Val die Chiesa, welche mit ihrer Kirche,
an welche ein Glockenturm angebaut ist, auf einem hohen Felsvorsprung
das Meer beherrscht.
Die kleinen Häuschen bei Malfa haben fast alle die zierliche Pergola
und eigentümlich gezackte Zinnen zur Verzierung der flachen Dächer.
Die Insel erhielt den Namen von den Salinen, welchen, von einem salzigen
Rand umgeben, zur Winterszeit mit Meerwasser gefüllt werden, wo
dasselbe im Sommer durch die Hitze verdunstet. Die in Beete eingeteilten
fünf Quadrate sind mit starken niederen Mauern umgeben und mit
Wasserdurchlässen versehen, welche anstatt mit Schleusen nur mit
Steinen und Erde verschlossen werden. Das gewonnene Salz wird nach Lipari
geschafft. Einige Häuser liegen am Rande der Salinenbeete, In der
Nähe der kleinen Kirche, mit herrlicher Aussicht auf ihrer Terrasse,
befindet sich der kleine Landungsplatz für die Barken. Die Küste,
fast immer jäh aufsteigend, aus zerfressenen Konglomeratschichten,
zeigt die wildesten Uferscenen, die man sich denken kann - Felsenthore,
Klippen und Abstürze, und manche Partien zählen zu den malerischsten
der Liparischen Inseln.
Lipari
welche der Inselgruppe den Namen verlieh, ist unstreitig die schönste
dieser Inseln; sie ist aber auch die grösste, 37 Quadratkilometer
gross, die bevölkertste und fruchtbarste. Der Hauptteil der Insel
ist der Weinkultur gewidmet. Die lachenden Reben ersteigen selbst die
höchsten Lehnen und dort, wo die Hacke nicht eine Handvoll Erde
dem Felsen abzuringen imstande war, grünt noch die Kaktusfeige
und reift ihre saftigen, hochroten Früchte. Öl- und Johannisbrotbaum
sind weniger vertreten, um so mehr die Weide, die zum Binden der Reben
dient, Feigen-, Pflaumen- und Mandelbäume gedeihen, Orangen- und
Zitronenbäume sind häufig; die Höhen grünen mit
Buschwald.
Auf keiner der Liparischen Inseln giebt es eine so günstige Lage
wie jene der Stadt Lipari, im Grund einer ziemlich tiefen, fast vor
allen Winden geschützten Einbuchtung. Die Stadt besteht aus einer
Feste, die einen Lavafelsenvorsprung, mit fast senkrechten Wänden,
krönt, dem Castello und den landeinwärts, am Fusse desselben
sich ausbreitenden Häusern, welche bis an den Meeresstrand reichen.
Sanfte Lehnen mit Weingeländen ziehen sich bis zu den dahinter
liegenden Höhen der Munti Sant' Angilu, d' a' Uardia und Addina
hinauf und bis zu den beiden, die Einbuchtung umschliessenden Vorsprüngen
des Mazzuin und Munti Rosa im Norden und des Capparo im Süden.
Die Gassen sind mit Ausnahme des Hauptweges manchmal so eng, dass man
sich von einem Haus zum andern fast die Hand reichen kann. Das Rathaus
und die Häuser der Wohlhabenden zeigen zumeist Balkone und es giebt
darunter einige stattliche Bauten. Die Gassen sind wenig belebt. Schlachtbänke
auf offener Strasse bilden zuweilen die nicht immer reine Staffage,
sowie die Reinlichkeit überhaupt viel zu wünschen übrig
lässt.
Der gewöhnliche Landungsplatz ist bei der Marina, wo eine Reihe
Schiffe ankern. Malerisch nimmt sich die nahe Kirche Anime del Purgatorio
aus, welche, auf einer, durch einen schmalen Damm mit der Küste
verbundenen Landzunge liegend, gleichsam wie im Meere schwimmend erscheint.
Hoch über der Stadt, auf einem Felsen, erhebt sich das alte, mit
starken Mauern und Türmen umgürtete Kastell. Der Eintritt
in das sogenannte Schlossgebäude führt durch mehrere gewölbte
Durchgänge und an Kasernen vorüber. Auf den unteren Felsenvorsprüngen
sind halbkreisförmig gestaltete Strandbatterien und in einem grossen
viereckigen Turm zwei, gegen die Stadt gerichtete Kanonenscharten, um
den Aufgang zu verteidigen. Das Innere des Kastells ist ein trostloses
Gemenge von verlassenen, öd aussehenden Kirchen und Häuserruinen,
tonnengewölbten Häusern und Kasernen.
Die Domkirche, noch die ansehnlichste der drei hier stehenden Kirchen,
besitzt mehrere schöne Marmoraltäre. Von der daran angebauten
früheren bischöflichen Residenz ist ein Teil von Gefangenen
bewohnt, der andere steht als Ruine, ein dachloses Haus.
Der Fossa d' i Ruocchi auf Lipari ist ein ganz deutlicher riesiger Krater
mit einem Schlackenvorsprung in der Mitte. Derselbe ist längst
ausgestorben, aber die warmen Schwefelquellen, welche am Meeresstrande
mehrfach hervorsprudeln, wahren doch den vulkanischen Charakter der
Insel.
Panaria
die kleinste der Liparischen Inseln und zugleich die anmutigste, misst
bloss 3 Quadratkilometer und besteht nur aus einem einzigen Kegel, dessen
höchste Spitze, der Trumpuni d' 'u Cuorvu, sich 420 m über
dem Meere erhebt. Gegen Westen zeigt sie langgestreckte, gegen Südwesten
sich senkende Anhöhen mit einer Reihe auf einander gelagerter Vorsprünge,
die gleichsam Hügelchen bilden. In einer kleinen Einbuchtung, der
Puortu Drauttu, wo die vortretenden Spitzen gewissermassen einen Halbmond
zeigen und ein Sandufer umschliessen, ist der Hauptlandungsplatz von
Panaria, wo die kleinen Schiffe geschützt ankern können.
Auf zwei wie zernagt aussehenden roten Felsenspitzen sind noch die Überreste
einer von Mauren erbauten Feste vorhanden. Das Kirchlein San Pietro
auf einer Felsenklippe blickt herab auf die zwischen Lavablöcken
liegenden kleinen Fischerhäuschen ohne Fenster und nur mit einer
Thüre als Öffnung, daneben der übliche runde Backofen.
Am Ufer liegen die Fischerbarken von Panaria, mit ihrem hohen Vorderbug
dem Meere zugekehrt, wie bereit, um wieder in die Flut hinaus zu schwimmen.
Auf der Ostseite von Panaria, etwa eine Seemeile von der Küste
entfernt, erhebt sich ein Dutzend von der Flut zernagter und geschwärzter
Felsenriffe.
Vom Dattaru, einem steilen schroffen Felsen, von der Ferne wie eine
Pyramide aussehend, hat man einen besonders grossartigen Blick auf das
unendliche Meer, die nahen hakenförmigen Felsenspitzen, das vortrefflich
sichtbare Stromboli und das tiefblaue, bis auf den Grund durchsichtige
Meerwasser zu Füssen.
In der Nähe der Klippe Bottaru befinden sich im Meere siedende
Schwefelquellen, deren Wasser man kochen sieht. Sie machen sich durch
eine von unten aufsteigende, weisse Säule bemerkbar, welche oben
einen Kreis von Blasen bildet.
Filicuri
Mit einer Oberfläche von 9 Quadratkilometer, besteht aus einem
773 m hohen Kegel mit mehreren Seitenerhöhungen. Die Insel ist
auffallend kahl und sieht den anderen Liparischen Inseln nicht ähnlich.
Einige der Lehnen, welche sich gegen das Meer hin erstrecken, sind in
Terrassen eingeteilt, mit Getreide bebaut. Zwei Häusergruppen,
der Turrini und jene von Canali mit der weissen kleinen Kirche, liegen
freundlich zwischen den Weingärten. Die Küste, von den felsigen
Anhöhen überragt, zeigt einen ernsten wilden Charakter, mit
schwärzlichen und roten Abstürzen. Durch eine Art Felsenthor
gelangt man in den Vorhof der schönen Rutta d' u Voi Marinu, wie
eine Anzahl Grotten genannt werden, in welche ein Boot mit Mast und
Segel einfahren kann. In den Höhlen selbst ist das Wasser krystallhell
und wenn aussen das Meer tobt, herrscht innen doch immer vollkommene
Ruhe, da sich die Wellen schon vorher brechen. Das Plätschern der
Wogen am Ufer klingt wie süsse Melodien und jede Stimme hallt von
den rötlichen Lavawandungen der Höhle mit starkem Schalle
wieder.
Alicuri
Mit 5 Quadratkilometern, ist die wenigst bedeutendste unter diesen Inseln.
Fast von runder Gestalt, besteht sie aus einem einzigen Kegel von 675
m Höhe. Die Insel ist kahl, felsig und der Insel Filicuri ähnlich
Die Abhänge sind ebenfalls in schmale Terrassen mit Böschungsmauern
eingeteilt, woselbst Gerste gepflanzt wird. Die kleine Kirche von San
Bartolomeo in prächtigster Lage beherrscht die Anhöhen und
bietet eine weite Aussicht auf das Meer.
Stromboli
der in steter Eruption befindliche Vulkan, gleichsam das von der Natur
angezündete Leuchtfeuer, das als Wegweiser auf der Weltstrasse
von Messina dient und sicher die interessanteste Insel der Gruppe, hat
einen Flächeninhalt von 12 Quadratkilometern. Sie wird aus einem
einzigen, 926 m hohen Kegel gebildet, an dessen Seiten sich die Lehnen
sanfter gestalten. Zumeist der Weinkultur gewidmet und im Bereich des
Vulkans vollkommen kahl, bietet sie deshalb nur wenig spontane Vegetation.
Der Ort Stromboli besteht aus einer Reihe zerstreut liegender Häuser,
von denen die Mehrzahl in der Nähe der Kirche gruppieren, auf einer
am Fusse des Berges Struognuli gelegenen, von den prachtvollsten Weinbergen
bedeckten sanften Lehne, und schön heben sich die blendend weissen
Mauern von dem Grün der Hänge ab. Die Häuser, mit Pergola
von Weinlaub versehen, bilden eine Art Gasse bis zur Kirche und der
dreieckige Platz vor derselben, mit der herrlichen Aussicht auf das
offene Meer, ist die angenehmste Stelle der Insel, auch von der drohenden
Fossa am meisten entfernt. Namentlich abends ist es hier schön,
wenn die Sonne sich neigt, die Pyramide des Vulkans ihren wohlthuenden
Schatten auf die Lehne und das Ufer von San Vicienzu wirft, und es labend
kühl wird. Die Abendbrise spielt mit den Blättern der Weingelände,
welche leicht zittern - man dünkt, sie küssen einander über
die reifen Trauben hinweg - und am schwarzen Rapillusstrande, der wie
ein Rand von Achat das saphirene Meer umsäumt, ziehen, kichernd
und fröhlich heimgekehrt von der Arbeit vom fernen Abhang oder
vom Fischfang des Tages, die Weiber und Mädchen, im Meere watend,
ihre Barken für die Nacht hinauf.
Man sieht auf Stromboli viele neue Gebäude, manche haben Balkone
mit Tragsteinen und darauf gelegten Carrara-Marmorplatten. Man hat hier
keine Mietshäuser, da jeder, der heiratet, für sich ein neues
Haus baut. Häufig sind die Häuser der Kinder in der Nähe,
manchmal anstossend an jene der Eltern erbaut, gleichsam wie die Schösslinge
einer verblühenden Agave. Uns sie werden alle aus mühsam auf
dem Meere errungenem Gelde erbaut, denn die Strombolaner sind alle Seeleute,
welche nicht bloss die 65 jetzt der kleinen Insel gehörenden Segelschiffe
bemannen, sondern vielfach auch mit anderen italienischen Schiffen fahren.
Bauern aus Lipari und Calabrien bebauen den Boden, mit dessen Kultur
sich jene Kinder der Wellen nicht befassen.
"Die Häuser baut man auf Stromboli aus Pietra morta, einer
schlackigen Lava, rötlich und leicht, die man allenthalben unter
dem Boden findet, die Pfosten sind aus harter Lava. Häufig begegnet
man einem jungen Manne, der mühsam auf der Schulter eine solche
Thürpfoste trägt für das Haus seiner Träume. Wie
viele Enttäuschungen in dieser Vision irdischen Glücks! So
dachte ich häufig, wenn ich die jungen Leute, schweisstriefend
unter der schweren Last, dahin wandern sah. Eine Fülle von Idealen
birgt das menschliche Leben und glücklich derjenige, der sie bis
an den Abend seiner Tage bewahrt!"
"So weit sie auch der mühselige Erwerb in das Meer hinaustreibt,
so sind sie doch in Gedanken stets auf ihrer heimischen Insel und kehren
freudig zurück zu der Liebe ihrer Kindheit, die sie wie eine Vision
zukünftigen Glückes auf dem schäumenden Meere schützend
und stärkend begleitete und ihre Freundin im Leben sein wird; denn
sie hängen mit allen Fasern ihres Herzens an der Gefährtin
ihrer Tage, die auf Stromboli weilt und für sie betet."
Den Hauptanziehungspunkt Strombolis bildet der rauchende Krater Muntagna,
welcher sich in mehreren Spitzen dem Auge darbietet, deren höchste
sich 926 m über dem Meere erhebt. Sie bilden die Ränder des
Kraters, dessen stark beissenden, erstickenden und die Lungen angreifenden
Rauch man schon von ferne riecht. Die Fossa hat seit der Eruption von
1885 drei Kratermündungen, die man von oben herab an klaren Tagen
alle beherrscht. Die grosse der zwei oberen Mündungen weist sechs
kleinere kesselartige Öffnungen auf, während die kleinere
nur manchmal eruptiert. Die meist auswerfende ist die untere, die bei
der Eruption von 1885 fast zur halben Höhe der Sciara d' ú
fuoco emporgestiegen ist. So lange die Mündung oben bleibt, ist
keine Gefahr, sollt sie aber einmal tief hinabsteigen und das Meer erreichen,
so könnte ein Sinken des Kraters von Stromboli erfolgen. Die letzte
starke Eruption fand im Jahre 1896 statt; die Rauchsäule war etwa
eine halbe Stunde lang 300 m hoch.
Es ist ein diabolisches Vergnügen, zu sehen, wie die Felsen herabstürzen
und zu hören, wie der Krater dröhnt, bald wie Kanonendonner,
bald wie plötzliches Donnergewitter. Namentlich zur Sommerszeit
ist es ein Vergnügen, mit einem Boote hinauszufahren und diesen
Feuerkünsten der Natur beizuwohnen. Man muss aber, wenn das Wetter
schön ist, ziemlich lange, bisweilen eine ganze halbe Stunde warten
und die Auswürfe sind obendrein gering. Wenn dagegen der Südost
oder Südwest droht und sich eine lange, hohle See, die dem Winde
vorangeht, am Fusse des Vulkans bricht, sind die Auswürfe häufig
und man sieht ein wahres Feuermeer die Flanken des Berges herabrieseln.
Es ist ein seltener Genuss zuzusehen, wie die scheinbar feuerroten Steine
zumeist in drei Hauptströmen über die Rapillulehne herabrollen
und in wilden Sätzen, unzählige Feuergestalten bildend, endlich
ins Meer stürzen. Hier steigen die aus Eruptivsteinen bestehenden
Pietra die Strombolicchio in phantastischen Formen empor, ringsum vom
Meere umspült. Auf den höchsten, 57 m hohen schmalen Felsen
ist mit grosser Mühe eine steile Treppe vom Meere aus hinaufgeführt
und oben künstlich ein flacher Teil geschaffen, an dessen Rand
die noch übrig gebliebenen nadelartigen Felsen emporragen.
"Gerne sitzt man auf dieser luftigen Höhe und lässt den
Blick bald zur schwindelnden Tiefe, bald auf die in der Ferne nach Messina
fahrenden Dampfer schweifen. Die ferne Küste von Calabrien umsäumt
gelblich und nur schwach hingedeutet das tiefblaue Meer, und gleichsam
zwischen Himmel und Erde schwebend, möchte man dort träumen,
würde einen nicht dann und wann das Donnern des Vulkans oder das
heitere Singen der Fischermädchen, welche gerne am Fusse des Strombolicchio
mit ihren Booten sich aufhalten, das eine furchterregend, das andre
liebkosend aufwecken."
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