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Aus Leo Woerls Biographie mit Originalzitaten aus
Salvators Werk:
Die Insel Cypern im nordöstlichen Teile des Mittelländischen
Meeres war schon im Altertum wegen ihres Reichtums hochgepriesen. Die
alten Phönizier und Griechen kolonisierten die von der Natur reichgesegnete
Insel. Sie kam hierauf unter die Oberherrschaft der Perser und Römer
und wurde bei Einführung des Christentums eine der ersten Stätten,
wo dasselbe festen Fuss fasste. Später stritten Araber, Byzantiner,
Engländer und Italiener nacheinander um dieselbe, bis sie in den
Besitz der Venezianer kam und 1570 von den Türken erobert wurde,
welche sie 1878 an England abtraten. Diesen durch die Geschichte von
Jahrtausenden hochinteressanten Boden hat Erzherzog Ludwig Salvator
zum Gegenstand einer Reisekizze gemacht, die schon deswegen von hervorragender
Bedeutung ist, weil derselbe die Hauptstadt Levkosia noch aus der Zeit
der türkischen Herrschaft schildert. "In den Gegensätzen
liegt das Anziehende Levkosias", spricht der hohe Verfasser und
charakterisiert vortrefflich in kurzen Worten den Eindruck, den damals
die Stadt machte.
Wenn
man nach dem Ersteigen sanfter Hügelwellen Levkosia mit ihren schlanken
Palmen und Minaretten und die malerische Gebirgskette in deren Hintergrunde
auf der sonnenverbrannten Ebene von Cypern zum ersten Male auftauchen
sieht, so glaubt man ein Bild aus Tausend und einer Nacht in Wirklichkeit
vor Augen zu haben. Ein Juwel von Orangengärten und Palmenbäumen
in der baumlosen Gegend, eine vermöge ihrer Wälle durch Menschenhand
geschaffene Oase. Und so wie der Gegensatz zwischen Stadt und Umgebung
scharf und grell hervortritt, ebenso macht sich auch der Geist des Widerspruches
in der Stadt selbst geltend. Venetianische Festungswerke und gotische
Bauten, die nun der Halbmond krönt, auf antikem, klassischen Boden;
Türken, Griechen, Armenier bunt durcheinander gemengt, untereinander
verfeindet, aber durch gemeinsame Lieb zu der nun allen gleich heimischen
Scholle vereinigt." Wir entnehmen aus dem Werke, dass die Stadt
Levkosia auf einer unbedeutenden Anhöhe in der Ebene von Messaria,
147 englische Fuss über dem Meere liegt; das Klima ist gesund,
im Sommer sehr warm, im Winter fällt manchmal Schnee, doch schlagen
im Februar schon die Mandeln aus und im März ist alles schön
grün. Zwei Wasserleitungen liefern das Trinkwasser; die Stadt ist
häufigen Erdbeben und Überschwemmungen durch den Fluss Pidias
ausgesetzt.
Im Umkreis von drei Seemeilen ist die Stadt mit einer
Mauer umgeben, welche 1567 von den Venetianern, die damals die Herren
der Insel waren, errichtet wurde. Es treten 11 Bollwerke von verschiedener
Grösse heraus, von Osten, Westen und Norden, führen drei Thore
in die Stadt, welche nach Sonnenuntergang gesperrt, erst bei Sonnenaufgang
wieder geöffnet werden und durch Kanonen geschützt sind. Von
der Höhe des Walles oder der Mauer hat man einen herrlichen Ausblick
über die gegenüberliegenden Ortschaften, das Gebirge mit dem
hochthronenden Troodos; prächtig ist auch der Anblick der Stadt
mit den zahllosen Palmen.
"Auf dem Wege nach Larnaka sieht man abends die Kamele still zur
Skala wanden; einige kommen nur mühsam weiter, denn sie leiden
an Krätze eine Krankheit, die auf Cypern grosse Verwüstungen
angerichtet hat. Aber siehe da, welch schauderhafter Anblick! Lepröse
Menschen schleppen sich zur Strasse um unter Wehklagen von den Vorübergehenden
ein Almosen zu erbitten und sie flehen zu Gott um Linderung ihrer Qualen.
Sie haben in dieser Gegend ihr Quartier aufgeschlagen, nachdem ihnen
das Betreten der Stadt streng verboten wurde. Und dem grauenhaften Bilde
dient als passende Umrahmung auf beiden Seiten der stillen Strasse,
wo sich die leprösen Kranken und die krätzigen Kamele dahinschleppen,
die verödete Ruhestätte der Türken.

Auf
dem Thore von Paphos steht die gleichnamige Kaserne, ein ziemlich grosses
Gebäude, in welchem 3-400 Soldaten untergebracht sind. Nach türkischer
Art schlafen sie auf erhöhten Dallen mit Decken und Polster und
am Ende des Saales haben sie die Waffen aufgestellt."
"Eigentliche Stadtteile giebt es in Levkosia keine, dieselben unterscheiden
sich lediglich nach ihrer Bevölkerung. Die Türken und Griechen
haben getrennte Stadtteile, während die Armenier vielfach im türkischen
Viertel wohnen. Es giebt wenig steinerne Häuser, die meisten werden
aus Lehm gebaut, angeblich wegen der häufigen Erdbeben. Die türkischen
Gebäude haben namentlich vortretende, vergitterte Kioske; die Hausthore
zeigen alte, steinerne Spitzbogen und an den Thüren ist häufig
ein hölzerner Halbmond oder Stern mit Drahtringen zum Einsetzen
von Ölnäpfchen angebracht, um dieselben am Tage des Sultans
und bei anderen festlichen Gelegenheiten anzünden zu können.

Der hohe Verfasser entwirft ein anschauliches Bild
eines türkischen Hauses und geht dann auf die Beschreibung der
Moscheen und Heiligengräber über.
Die Zierde der
Stadt bildet die Hauptmoschee Ayia Sophia. Es ist der gotische dreischiffige
Bau mit prächtigen Spitzbogenverzierungen und fast flachen Dachungen
einer ehemaligen christlichen Kirche. Bei der Adaptierung derselben
als Moschee, hat man, um die vom muselmännischen Ritus vorgeschriebene
Richtung einzuhalten, alles von links nach rechts schief aufbauen müssen.
Im rechten Arm ist der Mihrab und unweit davon der Mèm Ber; der
von Cipollinsäulen getragene Mahfil steht in der Mitte. Es sind
dies durchweg neue, hässliche, türkische Arbeiten. Von den
beiden Minarets ertönen die melodischen Rufe der Muzzins. Man hat
von der Terrasse eine reizende Aussicht auf die Stadt mit ihren zwölf
Minaretten und auf das Gebirge. Nicht weit davon liegt die Haidar Paschà
Djami si, einst eine Kirche der heiligen Caterina, mit einem hübschen
gotischen Portal und Spitzbogengewölbe. Die Moschee Ermerghé
Dhami si war ebenfalls eine gotische Kirche Sta. Nicoló. Die
übrigen Moscheen Levkosias sind durchweg türkische Bauten
ohne Bedeutung.
Unter den öffentlichen Bauten ist das Serai, die Wohnung des türkischen
Gouverneurs, erwähnenswert. Interessant ist, wie der Erzherzog
den Eingang beschreibt: "Ein Thor mit einem hässlichen Markuslöwen,
an dessen Seite ein Grabmal und ein Palme zu sehen sind, führt
durch einen von Spitzbogen getragenen Durchgang in den breiten Hof.
Oberhalb dieses Thordurchganges ist ein Spitzbogenfenster, darunter
ein Heiliger mit beschädigtem Mantel und zwei, ein schräg
gestelltes Wappen tragende Löwen. Ein segnender Christus steht
neben dem Thore. Einen Teil des Serais bilden die Gefängnisse,
welche als Zentralgefängnis für die türkischen Besitzungen
in Asien dienen.

Nach den Aufzeichnungen seines Tagebuches schildert
der Erzherzog einen Besuch bei dem türkischen Gouverneur und dem
griechischen Erzbischof, dessen Palast er eingehend besichtigte. Schulen,
Bäder, Gasthäuser und Versammlungslokale werden erwähnt
und sodann die Bazare als Zentrum des Verkehrs geschildert. Die Bazare
Levkosias sind meistens offen, lediglich mit Mappen und Leinwandfetzen
gedeckt. Man zählt deren 23, und zwar hat jedes Gewerbe einen eignen
Bazar, wo die Leute nicht bloss verkaufen, sondern auch arbeiten. Nach
einer ergötzlichen Schilderung der Verkaufsgegenstände, die
dort zu haben sind, fährt der Erzherzog fort:
In
allen diesen Bazars sieht man in den Vormittagsstunden mehr oder minder
die bunteste Menge hin- und herströmen: farbig gekleidete Bauern,
vornehme türkische Frauen, grossäugige Knaben; hier wandern
Salepverkäufer, dort umherschwärmende Öl-, Salz- und
Wasserverkäufer; weiter Bäcker, welche in ausgehöhlten
Brettern Schwarzbrot transportieren und wandernde Bäckereiverkäufer;
dann Menschen, welche so manchen besseren Fleischbissen anbieten und
denselben an Feinschmecker anbringen wollen, dazu die verschiedenste
Scenerie als Hintergrund und die fast unbeweglichen Gruppen der sesshaften
Händler. Hie und da weht von einem Stab herab ein weisses Tuch,
das charakteristische Aushängeschild der Barbiere, welche meistens
Griechen sind; Türken sind dagegen die Kafedjis, die nachlässig
auf den Bänken ihrer Butike, der Gäste harrend, herumlungern.
Vor dem einen oder andern Laden hängen Turteltauben und Steinhühner
in runden Käfigen herab, während auf dem Pflaster abbastardierte,
türkische Strassenhunde herumschleichen, namentlich abends, wo
sie die menschenleeren Bazars zu ihrem Tummelplatz wählen und sich
mit den herausgeworfenen Überresten wohl wenig luxuriösen
Orgien hingeben. Da hört man nur das Knurren derselben, wenn sie
sich das schmutzige Festin streitig machen, oder dann und wann das Gekrächze
der Dohlen, welche auf den hohen Bäumen oder den Minarets ihre
raue Stimme ertönen lassen. Sonst herrscht überall die grösste
Stille; nur manchmals sieht man gespensterhaft eine weissgekleidete
Frau oder einen Mann mit einer Lampe in der Hand dahinschleichen, dann
folgt wieder finstere, einsame Nacht, in die nur an mancher Ecke oder
vor einer Moschee eine an einem Strick herabhängende Ampel ihr
blasses Licht wirft.

Die
Einwohner, wohl an 20000, sind in ihrer Mehrzahl Türken und Griechen,
eine kleine Anzahl Armenier und Katholiken. Das Volk, seine Sitten und
Unterhaltungen haben einen scharf Beobachtenden an Erzherzog Ludwig
Salvator, der vortrefflich das Volksleben zu schildern versteht. Der
Industrie und dem Handel ist das letzte Kapitel gewidmet, wir erfahren
darin eingehend, welche Industriezweige und wie dieselben hier betrieben
werden. Die Hauptexportartikel sind Cidi (gefärbter und bedruckter
englischer Kattun), die nach Konstantinopel gehen, Seide nach der Türkei
und Griechenland, Veilchensirup und lederne Pferdezäume nach Konstantinopel
und Lammfelle nach Triest. Eingeführt werden hauptsächlich
Stoffe und Quincaillerien. Industrie und Handel stehen ziemlich gut,
da man nichts andres zu zahlen hat als die Kopfsteuer je nach dem Wohlstande
des betreffenden und dann eine kleine Gemeindesteuer. Von Ladenbesitzern
haben bloss diejenigen eine Steuer zu entrichten, welche sich mit dem
Verkaufe von Spirituosen und Tabak befassen, die Steuer wird da nach
dem Ladenzins bemessen und im Falle der Verkäufer selbst Eigentümer
des Ladens ist, wird der Zins von amtswegen geschätzt.
Das Werk ist mit reizend gezeichneten Abbildungen
von der Hand des Erzherzogs versehen und, was er selbst diesbezüglich
am Schlusse des Vorwortes sagt:
Mögen
die beigegebenen Skizzen dem blossen Worte zu Hilfe kommen und es mir
gelungen sein, von diesem so sonnen- und farbenreichen Bilde wenigstens
eine getreue Silhouette wiederzugeben .
Das ist ihm in diesem Werke vollkommen gelungen.
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