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Aus Leo Woerls Biografie mit Originalzitaten aus
Salvators Werk:
Eine "Spazierfahrt im Golfe von Korinth",
so betitelt der Erzherzog Ludwig Salvator das Buch, in welches er die
Erlebnisse und Beobachtungen bei seinem Ausfluge längs der Küsten
des Korinthischen Meerbusens im Jahre 1872 niedergelegt hat. Eingehend
schildert der Verfasser die landschaftlichen Reize dieses von der Natur
bevorzugten Erdenwinkels, an den sich so reiche historische Reminiscenzen
knüpfen.
Zahlreiche nach der Natur aufgenommene Landschaftsskizzen
legen Zeugnis sowohl für den kunstsinnigen Naturfreund, als auch
für die verständnisvolle Führung seines Stiftes ab.
Kein Busen des
Mittelmeeres", schreibt der Erzherzog, "hatte in der antiken
Welt eine so grosse Bedeutung, wie der Golf von Korinth. Als Seestraße
im Herzen von Griechenland, als der gewöhnliche Verbindungsweg
zwischen Ost und West, war derselbe das Emporium antiker Zivilisation.
Reiche Städte zierten seine Ufer, vor allen Korinth, als die herrlichste
von Hellas. Der Golf von Korinth oder von Lepanto, wie er auch von den
Mittelmeerbewohnern häufig benannt wird, ist der Sinus Corianthiscus
der Alten. Die Provinzen Ätiolien, Phthiotis, Böotien und
Attika begrenzen denselben im Norden, der Isthmus von Korinth mit der
gleichnamigen Provinz im Osten, die Provinz Achaien im Süden. Gleichsam
als Hintergolf des Busens von Patras ist er ein Binnengolf im strengsten
Sinne des Wortes, wie sich, das Marmorameer ausgenommen, kein zweiter
im Mittelmeere wieder findet. Mit jenem nur durch die schmale, eine
Meile breite Einfahrt der Castelli zusammenhängend, zieht er sich
sanft abgerundet ostwärts hin, wo er mit einem Doppelbusen, dem
von Livadostro und Korinth, abschliesst.
Gegen diesen letzteren trennt ihn der lediglich etwa
10 Meilen lange, an seinem nördlichen Ende nicht viel über
4 Meilen breite, flache, mergelige Isthmus von dem benachbarten Ägäischen
Meere, und diesem Umstande verdankte der Golf von Korinth schon im Altertum
seine Wichtigkeit, als die kürzeste Wasserstraße über
Brundisium (Brindisi) an der nahen albanischen Küste und den hafenreichen
Gewässern der jonischen Inseln nach Athen,, wohin selbst Schiffe
auf einem ebenen Wege, den Diolkos, über die Landenge geschleppt
wurden. Diese Überfahrt hatte, wie begreiflich, grosse Schwierigkeiten,
und wenn sie auch bei den kleineren, leichteren Fahrzeugen der Hellenen
meistens verwendbar war, blieb sie bei den schwereren und grösseren
römischen Galeeren beinahe eine Unmöglichkeit. Nero setzte
daher den der ganzen antiken Welt schon aus der Zeit der Periander vorschwebenden
Gedanken des Durchstiches des Isthmus in Ausführung. Es wurde am
westlichen Ufer dicht beim Diolkos sofort zur Arbeit geschritten und
dieselbe in einer Länge von 4 Stadien ausgeführt, allein der
Kaiser wurde infolge der Empörung des Vindex in Gallien genötigt,
das Unternehmen aufzugeben, und der ca. 60 Meter breite und fast 1000
Meter lange Kanal liegt noch verödet und unbenutzt da. Durch den
Aufschwung von Neu-Hellas angespornt, fasste man in neuester Zeit den
alten Gedanken wieder auf, und es wurde von der griechischen Regierung
im Jahre 1870 sogar eine Konvention zum Durchstich des Isthmus stipuliert.
Doch auch dieses Unternehmen scheiterte, bevor man noch an die Arbeit
gegangen.

Der Erzherzog tritt warm für die Ausführung
des Projektes ein; seinem Buche fügt er eine, den beabsichtigten
Durchschnitt darstellende Karte bei.
Auffallend",
so fährt der fürstliche Verfasser fort, "ist im Korinthischen
Busen der Unterschied im Charakter der durch den schmalen Isthmus mit
einander zusammenhängenden Küsten. Auf der Nord-, d.h. auf
der rumelischen Küste, finden wir ein hafenreiches, vielfach eingeschnittenes,
meist aus Kalkstein und stellenweis aus Jaspisboden bestehendes Uferland,
das wenig fruchtbar und, wenig Stellen ausgenommen, fast wasserlos und
auch wenig bevölkert ist; im Süden dagegen die Küste
von Morea fast geradlinig, aus Mergelboden und Konglomeratgebirge bestehend,
hafenlos, dafür aber von der grössten Fruchtbarkeit, mit üppigstem
Weingelände bedeckt, durch zahlreiche ergiebige Quellen und Bäche
bewässert und infolgedessen auch dicht bevölkert, nur hin
und wieder bilden die von den tiefen Thälern und Gebirgsschluchten
herabstürzenden , wenn auch im Sommer vielfach versiegenden, zur
Winterszeit aber mächtigen Bäche durch Anschwemmung des von
ihnen mitgeführten Bodens vortretende Spitzen, zwischen denen einige
mehr oder minder offene Rheden liegen. Unter den besten ist noch Vostitsa
und Neranza; im Norden dagegen haben wir die zwischen dem Kap Andromaki
und Sn Nicoló gelegene Bucht von Solona, Aspra Spitia, Dobrena.
Sowohl auf der einen wie auf der andern Seite der Küste ist die
Landschaft in der grossartigsten Stilistik angelegt, hohe Berge, unter
denen der Parnassus, der Helikon, der Djiria (das alte Cyllene) und
der ewig beschneite Voidias, dazwischen tiefe Thäler, schotterreich
und bläulich im zarten Tone der Farben, tiefazurne Buchten und
heitere Ortschaften. Wenige Stellen der Welt vereinigen auf einer so
kurzen Strecke so viel Grossartigkeit mit so viel Anmut, so viel klassische
Schönheit in den Hauptformen mit der Grazie des Details gepaart.
Die beste Jahreszeit zum Besuche des Golfes ist vom 1. April bis Mitte
Juni, weil man nicht der Winterkälte ausgesetzt ist und auch nichts
von der Malaria und von Vuria zu befürchten hat, die erst später
eintreten. In dieser Jahreszeit und auch selbst in den hohen Wintermonaten
dürfte sich kaum eine Stelle zum Yachtfahren so geeignet finden.
Ein seeartiges Meer voll der besten und leicht zugänglicher Häfen,
reich an geschichtlichen Reminiscenzen und landschaftlichen Reizen.
Auch ist dies die beste Gelegenheit, den Golf im Detail zu besuchen,
denn die Unterkunft ist, wenn man nicht gerade an den Hauptplätzen
bei Bekannten einkehrt, fast durchweg schlecht und schmutzig, und die
den Postdienst verrichtenden Schiffe, die nur Lepanto, Vostitsa, Galaxidi,
Solona und Korinth berühren, gewähren dem Wanderer im Dampferfluge
natürlich nur ein phantasmagorisches Bild der Schönheiten
des Golfes.

Die
Stadt Lepanto oder Naupactos, von dem dortigen Bauernvolke Epacto genannt,
zählt 1500 Einwohner, ist von mittelalterlichen Mauern gänzlich
umzingelt, welche wahrscheinlich so ziemlich die Richtung der alten
hellenischen Mauern verfolgen, die sich auch an mehreren Stellen als
Grundmauern wieder finden, und bildet gleichsam ein grosses, gegen Süden
und Südosten gekehrtes Dreieck, das sich an einen erdigen, nur
obern etwas felsigen, aus grauem Sandstein bestehenden Hügel anlehnt.
Zwei Mauern, wovon die westwärts liegende, an einer Stelle abgebrochen
ist, laufen von der die Höhe krönenden Festung bis zum Meere
hinab, werden in so ziemlich gleichen Abständen durch Quermauern
miteinander verbunden, und bilden dadurch fünf verschiedene Abteilungen.
Zwischen der zweiten Quermauer und jener, welche im Meere den Saum der
Festung bildet, liegt die Stadt. Oberhalb der zweiten Quermauer stehen
nur fünf isolierte Häuser, wovon eins mit einer einsamen Cypresse.
In der Mitte dieser Abteilung liegt ein runder, mit Scharten versehener
Turm. Die Mauer gegen das Meer ist durch die Öffnung eines elliptischen
Bootshafens (Mandracchio) durchbrochen, wohin ein Thor mit flachen Rundungen
führt und gegen welchen zwei Turmansätze vorspringen, die
von zwei Schilderhäusern überragt werden. Rundum ist der Mandracchio
von Mauern umzingelt, welche nun grösstenteils verfallen sind,
auf ihrer Höhe ragen einige Platanen hervor; unweit davon steht
eine schlanke Palme auf der Stadtmauer, gleichsam als türkische
Erinnerung und Mahnung an die einstige Pflege dieser verödeten
Stätte. Die Mehrzahl der Häuser Lepantos trägt ganz türkischen
Typus, vortretende Thüreindachungen, türkische Dachhohlkehlen,
manche nach levantinischer Art geziert, türkische Dacheinfassung
von Brettern und Kamine. Die Dächer sind allenthalben mit Hohlziegeln
gedeckt und grösstenteils mit Steinen belegt. Hölzerne Fensterpfosten
mit getäfelten Läden kommen vielfach vor und nicht selten
sieht man einen grossen Rebenstock den modernen Balkon umschlingen.
Neben den Häusern trifft man häufig mit Orangen-, Zitronen-
und Mandelbäumen bepflanzte Gärtchen; die Gassen sind ärmlich,
unregelmässig, mit Ausnahme einiger steiler gegen die Festung,
ungepflastert, aber voll Schotter von den baufälligen Bauten.
Fast alle Läden, die, weil vorn ganz offen, sehr licht sind, haben
rückwärts eine Thür oder wenigstens ein Fenster, um den
freien Luftzug zu gestatten.. Man sieht da Weinläden mit rotem
Fähnlein an einem Pfahlrohrstab, in denen Wein verabreicht wird,
und wo man häufig Kartenspieler trifft, Barbiere mit einem weissen
Tuch, Bäcker nach türkischer Art, dazwischen stolz einherschreitende,
meist bewaffnete Männer in Fustanella, manche mit dem glockenförmigen
grauen, andere mit dem mit Ärmeln versehenen, weisen haarigen Mantel
und dem roten oder schwarzen, auf einer Seite herabgeneigten seidenen
Käppchen; dann einige griechische Offiziere mit landesüblichen
Schuhen.

Galaxadi
ist ein stilles ruhiges Städtchen. Der Hafensaum gegen die Stadt
bildet das Zentrum des dortigen Lebens und Wirkens. Hier ist auch neben
dem im Bau begriffenen Molo der kleine Marktplatz, wo unter stangengestützten
Dächern Fische und Obst feilgeboten werden. Man sieht da an der
Marina gravitätisch einherschreitende Leute in blauen Pumphosen
und rotem Fez nach levantiner Sitte, manche in Pelz gehüllt, andere
in Fustanella gekleidet, den Fez keck auf eine Seite gelegt.. Viele
tragen nach türkischer Sitte einen Rosenkranz in der Hand, teils
schwarz, teils aus Bernstein, und dann fast immer mit grossen Beeren..
Wie begreiflich, ist es hier an Sonntagen am lebhaftesten, indem ausser
den sonstigen Spaziergängern auch zahlreiche Matrosen mit aufgeschürzten
Jackenärmeln vergnügt die Gassen durchstreifen. Angenehm ist
es, des Abends zuzuhören, wenn vom Strande her oder von den geankerten
heimischen Schiffen, die im kleinen Hafen mit ihrer hohen Takelage ein
phantasmagorisches Bild gewähren, anheimelnde, heitere Gesänge
ertönen. Es sind zumeist italienische Lieder, welche die aus der
Fremde kommenden Matrosen, bisweilen ganz junge Burschen, in Torre del
Greco oder in Castellamare, in Genua oder auf den sicilischen Inseln
erlernt haben. Als Begleitung dienen ihnen die griechischen Weisen von
Knaben, die am Ufer bei flackernder Leuchte mit dem Dreizack fischen.
Manchmal sind es Boote, die beim Fackelschein fischen und geisterähnlich
Spitze um Spitze umfahren; wenn sie dann beutereich heimkehren, ertönen
auch ihrerseits Lieder im heiteren vollen Chor.

Von
der Scala di Solona nach Delphi oder Delphus, wie es die dortigen Landleute
nennen, hat man 2 ½ Stunden zu reiten. Anfangs durchzieht man
eine schön mit Wein- und Ölbaumpflanzungen besetzte Ebene,
wo in ersteren viele kleine Cisternen als offene Becken zur Bewässerung
angebracht sind. Bis Amphissa benutzt man die Landstraße, nunmehr
wir der Weg nur als Reitpfad benutzbar und biegt dann auf Ölbaumpflanzungen,
in welchen das Wasser Vernaso entspringt, gegen das Thal von Delphi
ein. Von den felsigen Hügeln gegen Khryso übersieht man das
herrliche, von charakteristischen Felsabstürzen eingefasste Oliventhal
Solonas samt Sernikaki, Sirguni, Ayios, Georgios und dem grösseren
Amphissa. Hat man die kleine, von einem Friedhofe mit Laternen umgebene
Kirche Ayios Liax erreicht, so blicken wir in ein malerisches Thal mit
dem waldigen Zimeno-Berg im Grunde und Ölbäumen in der Sohle,
dann rötlich ansteigende erdige Hänge, während sich uns
linker Hand, am Fusse der steilen Phädriadischen Felsen und wilder
Schluchten, die kleine Ortschaft Delphi darbietet.
Es liesse sich kaum eine Stelle finden, die geeigneter wäre, leichtgläubige
Gemüter zu verleiten, der divinatorischen Prophezeiung der apollinischen
Pythia Glauben zu schenken.
Gleichsam als neugriechische Antiquität ist hier ein weissbärtiger
82-jähriger Greis, der unter Marco Botsaris in Missolonghi kämpfte
und nun den Fremden die einzelnen Altertümer zeigt und erklärt.
Bevor wir noch die Ortschaft erreichen, sehen wir rechts, unterhalb
einer Friedhofsmauer, die Quadermauern des alten römischen Schlosses,
und sonderbar, schon zur Zeit der Alten war hier die Stätte des
Todes, denn es lag da die Vorstadt Pylae, einstens die Nekropolis von
Delphi. Das jetzige Delphi ist eine ärmliche Ortschaft; eine schöne
aus Quadern zusammengesetzte, aber teilweise durch Häuser verdeckte
Mauer durchzieht sie. Prächtig erhalten ist eine pelasgische Wand,
welche dem Tempel als Böschungsmauer diente. Sie besteht aus wunderschön
zusammengesetzten unregelmässigen Steinen, auf welche zwei Reihen
von niedrigen Quadern gleichsam als Gesims gelegt sind. Fast alle die
flachen Steine der, soweit sie sichtbar ist, etwa 80 Meter langen cyklopischen
Mauer, sind mit griechischen, sehr kleinen aber wohlerhaltenen Inschriften
versehen. Vor dieser Wand sind auf einem Platze viele umherliegende
Marmorblöcke, Stücke von marmornen verkehlten Säulen,
Gesimsstücke, sowie ein Bruchteil einer riesigen Säule mit
44 dorischen, sehr breiten Kehlen, 140 cm im Durchmesser, zu sehen.
Es ist dies, nach der an der Basis angebrachten Inschrift, die Säule
der Naxier, zum ewigen Gedächtnisse an das ihnen verliehene Vorrecht,
als erste das Orakel zu befragen. Nach der Schrift zu urteilen, stammt
dieselbe aus dem 6. Jahrhundert vor Chr. Die Stelle konnte nicht besser
gewählt werden, denn wahrlich, schön ist von hier die Aussicht
auf das Thal mit dem tiefen Bachbett des Pleistos. An der etwas höher
gelegenen Stelle Lakkoma lassen uns in Felsen gehauene Stufen die Lage
des einstigen Stadiums vermuten. Unweit davon beginnt der Nao genannte
Teil, wohin man so ziemlich die Lage des alten Tempels versetzt. Etwas
tiefer liegt das Hellenikon, eine 110 Meter lange Mauer, die sich parallel
mit der pelasgischen hinzieht und einen Teil der Südmauer des Peribols
bildete. Neben der Panagiya-Kirche finden wir Spuren des alten Gymnasiums.
Die Panagiya-Kirche, inmitten üppiger Ölbaumpflanzungen, ist
ein etwa 300 Jahre alter, recht interessanter Bau. Vor derselben sind
viele Altertümer aufgestellt: Kolonnenbruchstücke, ein hübsches
Relief eines männlichen Torso, endlich ein herrliches, eine Quadriga
darstellendes Basrelief. Die Vorhalle der Kirche wurde durch Erdbeben
zerstört, daneben erhebt sich jetzt eine hölzerne Campanella.
Das mit byzantinischen Malereinen versehene Innere weist eine alte,
in Holz geschnittene Iconostasis mit Bildern auf Goldgrund auf. Es wird
von sechs roh bemalten Säulen mit byzantinischen Kapitälen
an den vier Ecken und oberhalb der beiden an den Seiten der nach aussen
vortretenden Apsis liegenden Nischen getragen. Die Kuppeln der Hauptwölbung
sind bei dem letzten Erdbeben eingestürzt, und jetzt ist das Ganze
mit einem Dache provisorisch bedeckt. In der Apsis steht eine Riesenfigur
der Panagiya mit dem Jesuskinde in einen Zirkel auf der Brust.

Alt-Korinth,
einstens die Stadt des Luxus und der Mode, die sich noch zur Zeit der
Unabhängigkeitserklärung mit Athen um den Vorrang stritt,
die Hauptstadt Griechenlands zu werden, ist nur mehr eine ärmliche
Ortschaft auf sachter Lehne des hier gegen die Ebene und den Golf in
drei Bankstufen von der Akropolis bis zum Meere hinabsteigenden Bodens.
Sie zählt 200 weit auseinander liegende Häuser, sodass sie
vom Meer aus immer noch den Anschein gewisser Grösse beibehält.
Der Baumwuchs zwischen den Häusern Alt-Korinths ist recht üppig;
in den häufig in Beete eingeteilten Gärten wachsen Mandel-,
Maulbeer- und Feigenbäume, sowie viel Gemüse, dessen Pflege
durch den Wasserreichtum der Ortschaft sehr erleichtert wird. Es bestehen
dort nämlich sieben Quellen, die ausserhalb der Ortschaft liegenden
des Hadji-Mustapha und der Aphrodite mitgerechnet. Auch die Bienenzucht
wird nicht vernachlässigt; man sieht in den Gärten häufig
Bienenstöcke mit Körben, die mit Lehm überstrichen und
mit Stroh gedeckt sind.
Das Zentrum der Ortschaft bildet ein von Platanen beschattetes Plätzchen
mit mehreren Schenken ringsum und einer Quelle, zu der Stufen hinabführen.
Das Ganze zeigt ein echt türkisches Gepräge. Als ich eines
warmen sonnigen Morgens dort war, sass ein alter Mann mit turbanartig
umwundenem Fez an der Quelle und raucht ein langen Zügen an seinem
Tschibuck; andere Männer tanzten, einander die Hand reichend, bei
Pfeifen und Trommelmusik unter Platanen den Sirtó. Viele von
ihnen hatten den Kopf mit Käsekörben bedeckt. Man wähnte
sich förmlich in die Türkei versetzt. Vor den Weinschenken
sassen Leute lässig und halb in Masticarausch auf Strohtabourets
ohne Lehne. Aufgefallen ist mit auch ein Ziegenbock, der in einer Weinschenke
stand und ruhig den Betrunkenen nachblickte - eine Mahnung an die rebengekrönten
Böcke antiker Bacchusfeste.
Der Weg zu dem 575 Meter hohen Akro-Korinth, der Akropolis von Korinth,
einem Gemenge von hellenischen, fränkischen, venetianischen und
türkischen Mauern führt an der Hadji-Mustapha-Häusergruppe
vorbei, an deren Ende eine hübsche, teilweise aus antiken Marmorstücken
aufgebaute und mit einer türkischen Inschrift versehene Spitzbogenquelle
sich befindet. Von hier fängt der Weg an bergauf zu gehen. Unter
uns sehen wir die Häusergruppe von Aplogà und wenn wir ein
Bachbett mit der türkischen Quelle von Balu und dann einige Feigenbäume
passiert haben, gelangen wir auf dem schottrigen Kalksteinboden zu einer
zwischen beiden Hügeleinschnitten befindlichen Thalfurche. Prächtig
ist von hier die Ansicht des Hauptthores, das uns gleichsam als eine
phantastische, grandiose Theaterdekoration erscheint, sowie des Schlosses
von Pendeskuti mit dem rückwärts liegenden Gebirge. Auf der
höchsten Höhe der Akropolis, wo sich noch Spuren des Venustempels
befinden, liegt das sogenannte Kirchlein von Ayios-Lias mit herabgestürzter
Kuppel und mit Fenstern auf beiden Seiten des Mihrab und des Gebäudes.
Im Innern haben zahlreiche Wanderer auf die geschwärzte Wand ihr
Namen hereingekritzelt. Herrlich ist von dieser Höhe die Aussicht
über den Isthmus, auf den Golf und die Ebene, auf das Ägäische
Meer mit den Inseln, Piräus im fernsten Dunste, auf die felsigen
Höhen und die zweite schlossgekrönte Anhöhe mit den beiden
rechts und links sich hinziehenden Thälern.

Auf
einer flachen Sandspitze liegt, da, wo einst ein Tempel des Poseidon
sich erhob, dem ein andrer auf der gegenüberstehenden Spitze von
Anti-Rhion entsprach, das feste, mittelalterliche, grösstenteils
von den Venetianern erbaute oder wenigstens umgebaute Schloss von Rhion,
nun aber stark vernachlässigt. Ein kuppelartiger Eingang führt
uns schief durch einen flach gewölbten Gang ins Innere der Feste.
Zur Linken erscheint uns im grössten Turm, durch ein riesiges weissgestrichenes
Kreuz bezeichnet, die Kirche; sie bietet im Innern eine grosse Kuppel,
in welcher rückwärts die Ikonostasis angebracht wurde; Kanonenscharten
dienen zur Beleuchtung. Die Westseite der Kaserne wird als Gefängnis
für schwerere Verbrecher benutzt. Als ich dort war, fand ich darin
246 Gefangene, von denen 40, wie mir der Kommandant sagte, geköpft
werden sollten; letztere gingen in Ketten herum. Auf der Ostseite sind
auf ähnliche Weise, aber minder bewacht, die leichteren Gefangenen
eingesperrt; es waren ihrer 38 anwesend. Die einen wie die andern hatten
ein wildes Aussehen, waren aber durch die lange Gefangenschaft abgemagert
und blass.
Auf der Festungsspitze angelangt, sah ich vergnügten Herzens meine
Aufgabe vollendet; sinnend sass ich auf dem äussersten Ende der
Festung und blickte bald nach dem traumhaft sich verbergenden Golfe,
bald nach der hinauslockenden See. Zugleich dachte ich an den Sieger
von Lepanto und an Byron, den modernen Kämpfer für gleiche
Ideen, und das blaue Kriegsbanner, das über meinem Kopfe wehte,
galt mir als Zeugnis der endlich erlangten Freiheit, bis mich gleichsam
als höhnische Parodie das Rasseln der Ketten der Gefangenen aus
meinen Träumereien aufrüttelte.

Diese kurzen Auszüge aus dem Buche "Eine
Spazierfahrt im Golfe von Korinth" des Erzherzogs Ludwig Salvator
genügen, um in ihm, wie in seinen anderen Schriften, den kunstsinnigen
und verständnisvollen Reisenden zu erkennen, einen Führer,
an dessen leitender Hand es gewiss keinem gereuen wird, wenn auch nur
im Geiste, die genussreiche Rundfahrt um diese herrliche Küste
zu machen. So ist es auch mir ergangen, freudig und gerne habe ich den
Erzherzog im Geiste begleitet, wenngleich ich oft auf diesem klassischen
Boden in Bezug auf die gegenwärtigen Verhältnisse mit Schiller
trauern musste:
Wie
ganz anders, anders war es da!
Als man deine Tempel noch bekränzte,
Venus Amathusia.
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